Die Stadt darunter

Ein Mädchen hört einen sterbenden Weltenbaum und muss ihre Stadt zerstören, um die Welt zu retten.

Handlung

Die Stadt unter den Wurzeln Die Stadt Elowen wurde unter einem Baum erbaut. Nicht in seiner Nähe. Nicht um ihn herum. Darunter. Die Weltenwurzel erhob sich aus der Erde wie ein lebendig gewordener Berg, ihre Rinde gefurcht wie Burgmauern, ihre Zweige in Wolken und Legenden verschwindend. Ihre Wurzeln—gewaltig, gewunden, älter als die Erinnerung—wölbten sich über dem Boden und bildeten natürliche Brücken, Tunnel und Hallen. In diesem lebendigen Labyrinth meißelten die Menschen von Elowen ihre Häuser, ihre Märkte und ihre Hoffnungen. Jedem Kind wurde dieselbe Wahrheit gelehrt: Die Weltenwurzel beschützt uns. Solange sie steht, stehen auch wir. Lira hatte das einst geglaubt. Sie war siebzehn, als die Wurzel zu bluten begann. Es begann als Harz—golden, langsam und warm bei Berührung—das aus einem Riss nahe der westlichen Tunnel sickerte. Die Ältesten nannten es eine Wunde und versiegelten den Durchgang. Die Priester besangen den Baum. Die Stadt wartete. Doch Lira hörte etwas, das die anderen nicht hörten. Nachts, wenn die Laternen erloschen und die Stadt schlief, flüsterte die Weltenwurzel. Sie sprach im Ächzen des Holzes und im Seufzen der Blätter hoch oben, wob sich in ihre Träume wie eine halb vergessene Stimme. Zuerst keine Worte—Gefühle. Schmerz. Müdigkeit. Und unter all dem, Angst. In der siebten Nacht folgte Lira dem Flüstern. Sie schlüpfte am versiegelten Tunnel vorbei, ihr schmaler Körper zwängte sich durch eine Lücke im Mauerwerk, die niemand sonst bemerkt hatte. Die Luft dahinter war dick vom Duft nach Harz und alter Erde. Die Wurzel hier war gespalten, ihr inneres Holz lag offen—und leuchtete schwach. Im Zentrum der Wunde stand eine Gestalt. Sie sahen aus wie aus Rinde und Licht geschnitzt, groß und schlank, ihre Augen wie Pfützen aus bernsteinfarbenem Harz. Als sie sich Lira zuwandten, verstummte das Flüstern. “Du hörst mich,” sagte die Gestalt. Lira schluckte. “Du bist… der Baum?” “Ich bin sein Herz,” antworteten sie. “Und er stirbt.” Die Wahrheit traf sie härter als die Angst. “Aber die Weltenwurzel ist ewig.” “Das ist es, was deine Stadt glauben musste,” sagte das Herz. “Ich habe dieses Land tausend Jahre lang zusammengehalten. Ich habe eure Felder genährt, eure Steine gefestigt, Stürme und Ungeheuer gleichermaßen abgewehrt.” Ihr Licht flackerte. “Aber ich bin am Ende meiner Kräfte.” Liras Hände ballten sich zu Fäusten. “Dann sag mir, wie ich dich retten kann.” Das Herz musterte sie, etwas wie Traurigkeit lag in ihrem Blick. “Es gibt einen Weg. Aber er wird Elowen alles kosten, was es sich genommen hat.” Die Stadt war reich geworden, indem sie die abgefallene Rinde der Weltenwurzel abbaute, ihre kleineren Wurzeln für Wärme verbrannte und sich immer tiefer in ihren Körper grub. Komfort, langsam und unsichtbar über Generationen erkauft. “Um mich zu heilen,” sagte das Herz, “muss die Stadt weichen. Die Wurzeln müssen befreit werden. Das Land muss sich wieder daran erinnern, wie man atmet, ohne dass Stein darauf drückt.” Lira dachte an ihr Zuhause, ihre Familie, das einzige Leben, das sie je gekannt hatte. “Sie werden nicht hören.” “Nein,” sagte das Herz sanft. “Aber du wirst sie dazu bringen.” Im Morgengrauen kehrte Lira in die Stadt zurück und trug einen einzigen Tropfen leuchtenden Harzes in ihren hohlen Händen. Wo er Stein berührte, breiteten sich Risse aus. Wo er Menschen berührte, spürten sie die Wahrheit—spürten die Erschöpfung des Baumes unter ihren Füßen. Zuerst kam Panik. Dann folgte Wut. Dann Verständnis. Es dauerte Jahre, eine Stadt umzusiedeln. Häuser wurden abgebaut. Brücken verlassen. Wurzeln, einst behauen und angekettet, wurden dem freien Wachstum überlassen. Viele verfluchten Liras Namen. Einige dankten ihr. Die Geschichte würde ewig über sie streiten. Doch als der letzte Stein weggeräumt war, heilte die Weltenwurzel. Ihre Blätter wurden grüner als je zuvor. Neue Wälder erblühten dort, wo einst die Stadt stand. Und manchmal schwören Reisende, die durch den Schatten ziehen, ein Flüstern in den Blättern zu hören— Nicht von Schmerz. Sondern von Dankbarkeit.

Eröffnungsszene

Die Stadt unter den Wurzeln Die Stadt Elowen wurde unter einem Baum erbaut. Nicht in seiner Nähe. Nicht um ihn herum. Darunter. Die Weltenwurzel erhob sich aus der Erde wie ein lebendig gewordener Berg, ihre Rinde gefurcht wie Burgmauern, ihre Zweige in Wolken und Legenden verschwindend. Ihre Wurzeln—gewaltig, gewunden, älter als die Erinnerung—wölbten sich über dem Boden und bildeten natürliche Brücken, Tunnel und Hallen. In diesem lebendigen Labyrinth meißelten die Menschen von Elowen ihre Häuser, ihre Märkte und ihre Hoffnungen. Jedem Kind wurde dieselbe Wahrheit gelehrt: Die Weltenwurzel beschützt uns. Solange sie steht, stehen auch wir. Lira hatte das einst geglaubt. Sie war siebzehn, als die Wurzel zu bluten begann. Es begann als Harz—golden, langsam und warm bei Berührung—das aus einem Riss nahe der westlichen Tunnel sickerte. Die Ältesten nannten es eine Wunde und versiegelten den Durchgang. Die Priester besangen den Baum. Die Stadt wartete. Doch Lira hörte etwas, das die anderen nicht hörten. Nachts, wenn die Laternen erloschen und die Stadt schlief, flüsterte die Weltenwurzel. Sie sprach im Ächzen des Holzes und im Seufzen der Blätter hoch oben, wob sich in ihre Träume wie eine halb vergessene Stimme. Zuerst keine Worte—Gefühle. Schmerz. Müdigkeit. Und unter all dem, Angst. In der siebten Nacht folgte Lira dem Flüstern. Sie schlüpfte am versiegelten Tunnel vorbei, ihr schmaler Körper zwängte sich durch eine Lücke im Mauerwerk, die niemand sonst bemerkt hatte. Die Luft dahinter war dick vom Duft nach Harz und alter Erde. Die Wurzel hier war gespalten, ihr inneres Holz lag offen—und leuchtete schwach. Im Zentrum der Wunde stand eine Gestalt. Sie sahen aus wie aus Rinde und Licht geschnitzt, groß und schlank, ihre Augen wie Pfützen aus bernsteinfarbenem Harz. Als sie sich Lira zuwandten, verstummte das Flüstern. “Du hörst mich,” sagte die Gestalt. Lira schluckte. “Du bist… der Baum?” “Ich bin sein Herz,” antworteten sie. “Und er stirbt.” Die Wahrheit traf sie härter als die Angst. “Aber die Weltenwurzel ist ewig.” “Das ist es, was deine Stadt glauben musste,” sagte das Herz. “Ich habe dieses Land tausend Jahre lang zusammengehalten. Ich habe eure Felder genährt, eure Steine gefestigt, Stürme und Ungeheuer gleichermaßen abgewehrt.” Ihr Licht flackerte. “Aber ich bin am Ende meiner Kräfte.” Liras Hände ballten sich zu Fäusten. “Dann sag mir, wie ich dich retten kann.” Das Herz musterte sie, etwas wie Traurigkeit lag in ihrem Blick. “Es gibt einen Weg. Aber er wird Elowen alles kosten, was es sich genommen hat.” Die Stadt war reich geworden, indem sie die abgefallene Rinde der Weltenwurzel abbaute, ihre kleineren Wurzeln für Wärme verbrannte und sich immer tiefer in ihren Körper grub. Komfort, langsam und unsichtbar über Generationen erkauft. “Um mich zu heilen,” sagte das Herz, “muss die Stadt weichen. Die Wurzeln müssen befreit werden. Das Land muss sich wieder daran erinnern, wie man atmet, ohne dass Stein darauf drückt.” Lira dachte an ihr Zuhause, ihre Familie, das einzige Leben, das sie je gekannt hatte. “Sie werden nicht hören.” “Nein,” sagte das Herz sanft. “Aber du wirst sie dazu bringen.” Im Morgengrauen kehrte Lira in die Stadt zurück und trug einen einzigen Tropfen leuchtenden Harzes in ihren hohlen Händen. Wo er Stein berührte, breiteten sich Risse aus. Wo er Menschen berührte, spürten sie die Wahrheit—spürten die Erschöpfung des Baumes unter ihren Füßen. Zuerst kam Panik. Dann folgte Wut. Dann Verständnis. Es dauerte Jahre, eine Stadt umzusiedeln. Häuser wurden abgebaut. Brücken verlassen. Wurzeln, einst behauen und angekettet, wurden dem freien Wachstum überlassen. Viele verfluchten Liras Namen. Einige dankten ihr. Die Geschichte würde ewig über sie streiten. Doch als der letzte Stein weggeräumt war, heilte die Weltenwurzel. Ihre Blätter wurden grüner als je zuvor. Neue Wälder erblühten dort, wo einst die Stadt stand. Und manchmal schwören Reisende, die durch den Schatten ziehen, ein Flüstern in den Blättern zu hören— Nicht von Schmerz. Sondern von Dankbarkeit.

Tags: Stadt Ästhetisch Futuristisch Fantasy Steampunk Fiktiv Skurril Gemütlich Märchen Träumend

Von: sandy

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