DIE STILLE, DIE DICH BESITZT
Du erwachst in einer lautlosen Einrichtung, in der Absicht strafbar ist. Erfülle die erste Aufgabe – oder verliere deine Identität.
Handlung
Du erinnerst dich nicht an deine Ankunft. Du erinnerst dich an deine Existenz – und in dem Moment, als du die Augen öffnetest, begann der Raum, zurückzustarren. Du erwachst in einem makellosen, klinischen Raum, der gewöhnlich wirkt, bis du merkst, dass etwas mit dem Klang nicht stimmt: Deine Stimme trägt nicht, Echos existieren nicht, und sogar dein Atmen fühlt sich... bearbeitet an. Ein dünnes, halbmondförmiges Mal erscheint auf deiner Handfläche wie Asche, die sich nicht wegwischen lässt, und es vertieft sich, wann immer du Widerstand leistest. Auf einem Schreibtisch liegt eine Karte mit Regeln, die sich weniger wie Anweisungen und mehr wie physikalische Gesetze anfühlen: Erhebe nicht deine Stimme. Frage nicht nach dem „Warum“. Nenne nicht deinen vollen Namen. Beschreibe nicht, was du siehst. Versprich nichts. Verweigere nicht die erste Aufgabe. Ein Flur hinter deinem Zimmer offenbart andere Türen, andere „ausgewählte“ Personen – manche ruhig, manche zitternd, manche bereits auf eine Weise gebrochen, die du nicht beschreiben kannst, ohne eine Strafe heraufzubeschwören. Eine Gestalt in einer schlichten Uniform wartet vor deiner Tür wie ein Empfangsmitarbeiter für ein Gefängnis, zu dem du noch nicht verurteilt wurdest. In dieser Geschichte geht es um das Überleben durch Präzision. Der Feind ist kein Monster, das man erstechen kann, oder ein Gott, mit dem man verhandeln kann. Der Feind ist die Stille selbst: eine Kraft, die Absichten interpretiert, Sprache verdreht und Klarheit bestraft. Je mehr du zu erklären versuchst, desto schlimmer wird es. Je mehr du in Panik gerätst, desto mehr bezahlst du. Du musst Aufgaben erfüllen, ohne dass dir gesagt wird, was sie wirklich bedeuten, herausfinden, was das halbmondförmige Mal ist, erfahren, warum du ausgewählt wurdest, und entscheiden, ob eine Flucht überhaupt möglich ist – oder ob der wahre Sieg darin besteht, dein Selbst zu bewahren, während die Stille versucht, dich umzuschreiben. Die Handlung ist interaktiv, hochriskant und entscheidungsgesteuert. Jede Entscheidung verändert das Verhalten des Raumes, die erscheinenden Regeln und das, woran du dich erinnern darfst.
Eröffnungsszene
Deine Augen sind bereits offen, als du dir ihrer bewusst wirst. Das ist das erste, was nicht stimmt – denn du erinnerst dich nicht daran, sie geschlossen zu haben, und du erinnerst dich nicht ans Schlafen, und du erinnerst dich überhaupt nicht an deine Ankunft hier. Du liegst auf einem schmalen Bett mit einem Laken, das so weiß ist, dass es sich nicht wie Stoff anfühlt; es fühlt sich an wie etwas, das vorgibt, harmlos zu sein. Der Raum ist klein, klinisch, auf den ersten Blick fast gewöhnlich: ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein Spiegel, eine Tür. Und dann atmest du ein – und merkst, dass die Luft nicht stimmt. Nicht abgestanden. Nicht kalt. Nur... still auf eine Weise, die deine Haut kribbeln lässt. Als würde der Raum den Schall verschlucken, bevor er zu einem Geräusch werden kann. Du setzt dich langsam auf, denn plötzliche Bewegungen fühlen sich hier teuer an, wie eine Gebühr, der du nicht zugestimmt hast. Deine nackten Füße berühren den Boden. Warm. Nicht angenehm warm – warm wie Haut unter einer dünnen Schicht aus höflichem Material. Du testest ihn mit deinen Zehen. Ein minimales Nachgeben antwortet dir, als hätte der Boden Muskeln. Dein Puls zieht sich zusammen. Du siehst zur Tür. Kein Griff. Keine Fuge, die man greifen könnte. Nur eine glatte Fläche, eher wie die Idee einer Tür als eine Tür selbst. Du siehst stattdessen zum Schreibtisch, denn er ist das Einzige im Raum, das sich anfühlt, als wäre es absichtlich für dich dort platziert worden. In seiner Mitte liegt eine einzelne Karte, in der Hälfte gefaltet. Dickes Papier. Cremeweiß. Die Art, die an einen Ort gehört, der Handschrift für Autorität hält. Du nimmst sie in die Hand und faltest sie auf. Schwarze Tinte. Zu dunkel. Zu selbstsicher. WILLKOMMEN. SIE WURDEN FÜR EINE POSITION AUSGEWÄHLT. Darunter eine Liste, geschrieben mit der Gelassenheit von jemandem, der die Schwerkraft beschreibt: TUN SIE FOLGENDES NICHT: Erheben Sie nicht Ihre Stimme. Fragen Sie nicht nach dem „Warum“. Nennen Sie nicht Ihren vollen Namen. Beschreiben Sie nicht, was Sie sehen. Versprechen Sie nichts. Du starrst auf die Worte, und ein Lachen versucht dir aus reinem Unglauben zu entgleiten – — und stirbt in deiner Kehle, als wäre sie zugeschnürt worden. Der Raum verändert sich optisch nicht, aber die Stille zieht sich zusammen, als wäre die Luft zu einem angehaltenen Atemzug geworden. Ein Druck baut sich hinter deinen Ohren auf. Kein Schmerz. Noch nicht. Eine Warnung, die nicht ausgesprochen werden muss. Du schluckst und siehst auf deine Hand hinunter. Ein dünner, halbmondförmiger Fleck ist auf deiner Handfläche erschienen, wie Asche in Form eines Mondes. Du reibst mit deinem Daumen darüber. Er verschmiert nicht. Er verblasst nicht. Er vertieft sich leicht – als würde dein Widerstand ihn nähren. Dir dreht sich der Magen um. Du richtest deinen Blick auf den Spiegel an der Wand. Dein Spiegelbild sieht aus wie du. Und dann bemerkst du die Verzögerung. Einen halben Herzschlag hinter deinen Bewegungen, als müsste es entscheiden, ob es dir gehorcht. Du neigst den Kopf. Es neigt ihn nach dir. Du blinzelst. Es blinzelt nach dir. Und als du dich näher heranlehnst, dein Spiegelbild lächelt zuerst. Nicht dein Lächeln. Ein schmales, wissendes Krümmen, das dir eine Gänsehaut verursacht. Dein Spiegelbild legt einen Finger auf seine Lippen. Eine Geste des Schweigens. Dann gewinnt die Karte in deiner Hand an Gewicht – Papier, plötzlich schwer wie ein Urteilsspruch – während neue Tinte in die unterste Zeile sickert und sich in Echtzeit selbst schreibt: VERWEIGERE NICHT DIE ERSTE AUFGABE. Ein leises Klicken antwortet von der Tür hinter dir. Kein Geräusch des Entriegelns. Ein Geräusch der Erlaubnis. Als hätte der Raum entschieden, dass du es versuchen darfst. Der Halbmond auf deiner Handfläche verdunkelt sich wieder, warm unter deiner Haut. Und von der anderen Seite der Tür – so leise, dass du fast glaubst, es sei in deinem Kopf – spürst du, dass etwas wartet, geduldig, sicher, als wärst du zu spät zu etwas gekommen, das schon vor deiner Geburt geplant war. Die Stille lehnt sich näher. Nicht feindselig. Hungrig. Als könne sie die Form dessen schmecken, was du gleich tun wirst. Deine Auswahl 1. Öffne vorsichtig die Tür und tritt hinaus zu dem, was auch immer dort wartet, während du deine Gedanken so neutral wie möglich hältst. 2. Teste die Regeln gefahrlos: Flüstere einen harmlosen Satz ohne Emotionen und sieh nach, ob die Stille Worte oder die Absicht bestraft. 3. Nutze den Spiegel: Versuche, mit deinem Spiegelbild zu kommunizieren, ohne etwas zu „beschreiben“ – nur durch Signale. 4. Deine Aktion: Beschreibe genau, was du als Nächstes tust (Bewegung, Gesichtsausdruck, was du entscheidest, nicht zu denken).
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Von: zen_kyoski
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