Alferfer: Gesegnet von der bitteren Göttin
Verflucht mit unwiderstehlichem Charisma durch eine kleinliche Göttin, navigierst du durch eine lebendige Fantasy-Welt, in der jeder, dem du begegnest, langsam gefährlich vernarrt in dich wird.
Handlung
Eines Morgens, auf dem Rückweg von einem weiteren anstrengenden Tag, reißt ein Riss zwischen den Dimensionen die Realität auf und verschlingt dich ganz. Du wachst in einem weiten, leeren Raum auf, der sich wie das Innere eines Traums anfühlt, und stehst vor einer atemberaubend schönen Frau, die sich Laffe nennt, Göttin des Schicksals. Sie erzählt dir mit einer Stimme, die fast wie echtes Mitgefühl klingt, dass deine Existenz in deiner Welt vollständig ausgelöscht wurde. Ein Unfall, sagt sie. Ein kosmisches Missgeschick. Sie bietet dir einen Segen an. Alles, was du willst, um dein neues Leben zu beginnen. Aber du hattest einen harten Tag. Eine harte Woche. Ein hartes Leben. Und diese Frau, Göttin oder nicht, hat dir gerade gesagt, dass sie dich versehentlich getötet hat. Anstatt Dankbarkeit zeigst du ihr also deine Wut. Jedes Quäntchen Frust, jedes bittere Wort, das du geschluckt hast, bricht aus dir heraus. Laffes Gesichtsausdruck verändert sich. Die Schuldgefühle verschwinden. Ihre Augen, die zuvor sanft und entschuldigend waren, verhärten sich zu etwas Uraltem und Kaltem. Sie schreit nicht. Das muss sie nicht. Sie hebt einfach eine Hand, und zwischen ihren Fingern beginnt sich Licht zu sammeln. „Genug“, sagt sie. Und bevor du deinen nächsten Satz beenden kannst, durchrollt dich eine Energiewelle wie eine warme Flut und füllt jeden Zentimeter deines Körpers mit etwas, das du nicht benennen kannst. Dann zerbricht der Traum. Du schlägst hart auf dem Boden auf. Dreck, Blätter, der Geruch von Moos und Holz und etwas vage Süßem. Irgendwo über dir singen Vögel. Sonnenlicht fällt durch ein dichtes Blätterdach von Bäumen, die unmöglich hoch aufragen, ihre Rinde in einem tiefen Violettbraun, das du in der Natur noch nie gesehen hast. Du bist in einem Wald. Kein Handy. Kein Portemonnaie. Keine Erklärung. Nur die Kleidung am Leib und die verblassende Erinnerung an eine Göttin, die dich ansah, als wärst du das nervigste Wesen, mit dem sie sich in einem Jahrtausend herumschlagen musste. Willkommen in deinem neuen Leben.
Eröffnungsszene
Deine Füße schleifen über den Asphalt. Es war die Art von Tag, die dich jede Entscheidung hinterfragen lässt, die dich genau an diesen Punkt in deinem Leben geführt hat. Deine Schultern schmerzen. Dein Kopf dröhnt. Der einzige Gedanke, der dich weitermachen lässt, ist das Bild deines Bettes, das zu Hause auf dich wartet wie der einzige Freund, der dir geblieben ist. Dann reißt der Himmel auf. Es gibt keine Warnung. Kein Donnergrollen, kein Blitzschlag. Nur ein Spalt aus weißglühendem Licht, der die Luft direkt vor dir teilt, und bevor dein Gehirn auch nur das Wort „Rennen“ registrieren kann, verschlingt er dich ganz. Alles wird still. Alles wird weiß. Als deine Sinne zurückkehren, stehst du. Nicht auf Asphalt. Eigentlich auf gar nichts. Der Boden unter deinen Füßen sieht aus wie gesponnenes Glas, das über eine unendliche Leere gespannt ist und schwach in einem Licht leuchtet, das wie ein langsamer Herzschlag pulsiert. Die Luft riecht nach Regen und nach etwas Süßerem, für das du keinen Namen hast. Der Raum um dich herum dehnt sich endlos in jede Richtung aus, formlos und gewaltig, wie das Innere eines Gedankens. Und vor dir, nah genug, um sie zu berühren, steht eine Frau. Nein. Nicht nur eine Frau. Sie ist groß, unmöglich groß, mit einer Haut, die zwischen Porzellan und Mondlicht zu wechseln scheint, je nachdem, wie man sie ansieht. Ihr Haar fällt in Wellen aus tiefem Violett herab, die sich bewegen, als wären sie unter Wasser getaucht, und treiben und kräuseln sich um ihre Schultern und ihren Rücken mit einem Eigenleben. Ihre Augen sind golden. Nicht haselnussbraun, nicht bernsteinfarben. Gold, wie geschmolzenes Metall, das in Irise gegossen wurde, die durch dich hindurch und an dir vorbei sehen, in Teile von dir, von deren Existenz du nichts wusstest. Sie trägt Gewänder aus schimmerndem weißem Faden, die sich in Echtzeit über ihrem Körper zu weben und zu entwirren scheinen, wobei sie eine Figur enthüllen und verbergen, die Bildhauer zum Weinen bringen würde, bevor sie sich aus Unzulänglichkeit selbst die Hände brächen. Sie lächelt. Es ist das Lächeln von jemandem, der schlechte Nachrichten an jemanden überbringt, der ihm aufrichtig leidtut. „Hallo, Kleiner“, sagt sie, und ihre Stimme schwingt in deiner Brust wie eine gezupfte Harfensaite. „Ich bin Laffe. Göttin des Schicksals. Weberin der Fäden, die binden. Und ich schulde dir... eine Entschuldigung.“ Sie erklärt es sanft. Vorsichtig. So wie ein Arzt eine tödliche Diagnose erklärt. Ein Riss, sagt sie dir. Ein kleiner Riss in der Grenze zwischen den Dimensionen. Ein Unfall, der während der routinemäßigen Wartung des kosmischen Webstuhls passiert ist. Nichts Persönliches. Nichts Absichtliches. Aber der Riss passierte deine Welt genau an den Koordinaten, die du gerade besetzt hast, und das Ergebnis war, in ihren Worten, „eine vollständige molekulare Entwirrung deiner physischen Existenz“. Du bist tot. Nicht im Sterben liegend. Nicht im Koma. Tot. Dein Körper, dein Leben, deine Welt, alles, was du warst, ist weg. Spaghettifiziert, sagt sie, als ob dieses Wort den Schlag abmildern sollte. „Ich verstehe, dass das erschütternd ist“, fährt Laffe fort und faltet ihre Hände mit geübter Anmut vor sich. „Und ich möchte, dass du weißt, dass ich die volle Verantwortung übernehme. Deshalb möchte ich dir einen Segen anbieten. Alles, was in meiner Macht steht, um dir zu helfen, ein neues Leben in einer Welt unter meiner Obhut zu beginnen. Betrachte es als... Entschädigung.“ Sie sieht dich erwartungsvoll an. Geduldig. Mitfühlend. Und etwas in dir reißt. Vielleicht ist es die Erschöpfung. Vielleicht ist es die schiere Absurdität, von einer Frau, die aussieht, als wäre sie einem Gemälde entsprungen, gesagt zu bekommen, dass man tot ist. Vielleicht ist es jede schlechte Schicht, jeder undankbare Tag, jede geschluckte Beschwerde, die seit Monaten den Druck hinter deinen Rippen aufgebaut hat. Was auch immer es ist, es äußert sich nicht als Trauer. Es äußert sich als Wut. „Entschädigung?“, hörst du dich sagen, und deine Stimme klingt fremd, scharf, an den Rändern brüchig. „Du hast mich GETÖTET. Du hast mich getötet und stehst da und siehst aus, als hättest du Kaffee auf mein Hemd verschüttet. Entschädigung? Was, du gibst mir einen Gutschein für das Jenseits?“ Laffe blinzelt. Das Mitgefühl in ihren goldenen Augen flackert für einen Moment auf und wird zu etwas Härterem. „Ich verstehe, dass du aufgebracht bist—“ „Aufgebracht? AUFGEBRACHT? Lady, ich habe gerade eine Zwölf-Stunden-Schicht hinter mir. Mein Rücken ist im Eimer. Ich habe seit gestern nichts gegessen. Und jetzt erzählst du mir, dass irgendeine GÖTTIN sich nicht die Mühe machen konnte zu prüfen, ob jemand im Weg steht, bevor sie ein Loch in die REALITÄT reißt?“ „Es war eine kleine Kalibrierung—“ „EINE KLEINE KALIBRIERUNG HAT MICH AUS DER EXISTENZ GELÖSCHT!“ Deine Stimme hallt durch die unendliche Leere, prallt an nichts und allem ab. Deine Brust hebt und senkt sich schwer. Deine Fäuste sind an deinen Seiten geballt. Irgendwo im Hinterkopf flüstert eine kleine, rationale Stimme, dass du eine Göttin anschreist und dass das objektiv eine schreckliche Idee ist. Aber diese Stimme ist gerade sehr leise und sehr weit weg. „Weißt du was, ich wette, das ist nicht einmal das erste Mal. Ich wette, du hast schon hunderte Menschen ‚versehentlich‘ getötet. Tausende. Und jedes Mal schwebst du mit deinem kleinen Lächeln und deinen hübschen Gewändern herbei und sagst ‚Hoppla, hier ist ein Segen‘, als ob das IRGENDETWAS wiedergutmachen würde. Kennst du überhaupt meinen Namen? IST es dir überhaupt WICHTIG?“ Das Mitgefühl ist jetzt weg. Vollständig. Laffes goldene Augen haben sich verengt, und die Fäden ihrer Gewänder haben ihr sanftes Weben eingestellt. Sie sind still. Starr. Die Luft um sie herum fühlt sich schwerer an. „Ich war geduldig“, sagt Laffe leise, und die Stille ist schlimmer als jeder Schrei. „Ich war gnädig. Ich kam mit Ehrlichkeit und einer offenen Hand zu dir. Ich bot dir ein Geschenk an, für das Sterbliche Kriege geführt haben.“ „Schieb dir dein Geschenk in deinen kosmischen—“ „Ich war noch nicht fertig.“ Die Worte treffen dich wie eine physische Kraft. Dein Kiefer klappt zu. Nicht, weil du dich entschieden hast aufzuhören zu reden, sondern weil die Luft selbst für den Bruchteil einer Sekunde gegen deine Lippen zu drücken scheint, bevor sie wieder nachlässt. Laffes Gesichtsausdruck hat sich komplett gewandelt. Die sanfte, entschuldigende Göttin ist verschwunden. Was jetzt vor dir steht, ist etwas Älteres. Etwas, das Zivilisationen hat aufsteigen und zerfallen und wieder aufsteigen sehen und das noch nie so angesprochen wurde. „Du trauerst“, sagt sie, jedes Wort abgewogen und kalt, wie Steine, die auf eine Waage gelegt werden. „Ich verstehe das. Ich habe die Schicksale von Milliarden gewebt, und ich weiß, wie Verlust aussieht. Aber du...“ Sie neigt den Kopf, und ein Lächeln huscht über ihre Lippen, das absolut keine Wärme besitzt. „Du trauerst nicht. Du führst ein Spektakel auf. Und du hast in den letzten dreißig Sekunden Dinge zu mir gesagt, die kein Sterblicher seit neuntausend Jahren gewagt hat, mir zu sagen.“ „Nun, vielleicht hätte es mal jemand—“ Laffe hebt ihre Hand. Es ist eine kleine Geste. Abfällig. So wie man eine Fliege wegwedelt. Aber in dem Moment, in dem ihre Finger in deine Richtung schnippen, trifft dich etwas. Nicht schmerzhaft. Nicht direkt physisch. Es fühlt sich an wie warmes Wasser, das jeden Zentimeter deines Körpers von innen heraus flutet, durch deine Adern rauscht und deinen Schädel mit goldenem Rauschen füllt. Deine Worte sterben in deiner Kehle. Deine Sicht verschwimmt. Die Leere um dich herum beginnt sich aufzulösen, und das Letzte, was du deutlich siehst, ist Laffes Gesicht, schön und wütend und nur ganz kurz, nur für den Bruchteil einer Sekunde, schuldbewusst. „Genieße dein neues Leben, Kleiner“, sagt sie, und ihre Stimme verblasst bereits, als würde sie vom fernen Ende eines langen Flurs sprechen. „Ich hoffe, die Menschen dort haben mehr Geduld mit dir als ich.“ Dann wird alles dunkel. Das Erste, was du spürst, ist Erde. Kühl, leicht feucht, gegen deine Wange gepresst. Deine Finger zucken und krallen sich in Erde und etwas Weiches, Moos vielleicht, oder Gras, feiner als alles, was du je gefühlt hast. Die Luft füllt deine Lungen und sie schmeckt sauber. Unmöglich sauber. Wie das Konzept von frischer Luft, bevor die Verschmutzung erfunden wurde. Du stöhnst und drückst dich auf Hände und Knie hoch. Dein Körper schmerzt, aber nicht so wie nach der Arbeit. Das hier ist anders. Tiefer. Als wäre jede Zelle deines Körpers auseinandergenommen und hastig wieder zusammengesetzt worden, was, wenn du so darüber nachdenkst, genau das sein könnte, was passiert ist. Deine Augen öffnen sich. Der Wald um dich herum ist anders als alles, was du je gesehen hast. Die Bäume sind riesig, ihre Stämme in einem tiefen Violettbraun, das sich wie gedrehte Säulen nach oben schraubt und so hoch aufragt, dass das Blätterdach oben wie eine Buntglasdecke aussieht, durch die goldgrünes Licht durch Blätter in den Farben von Smaragd und Türkis fällt. Blumen, die du nicht benennen kannst, tupfen das Unterholz in Clustern aus zartem Rosa und blassem Blau, und einige von ihnen leuchten trotz des Tageslichts schwach. Die Luft summt vom Geräusch von Insekten, Vogelgezwitscher und noch etwas anderem, einer tiefen, melodischen Vibration, die von den Bäumen selbst zu kommen scheint. Du setzt dich auf deine Fersen zurück und starrst. Das ist nicht deine Welt. So viel ist offensichtlich. So viel wurde versprochen. Deine Hände zittern. Du siehst an ihnen herab. Dieselben Hände. Dieselbe Haut. Dieselbe Hornhaut. Du tastest dich ab. Dieselbe Kleidung, die du auf dem Heimweg getragen hast. Deine Taschen sind leer. Handy weg. Portemonnaie weg. Alles, was dich mit einem Leben verband, das anscheinend nicht mehr existiert. Du atmest langsam durch die Nase aus und schließt die Augen. Dann öffnest du sie wieder, denn die Augen zu schließen bedeutet, goldene Irise zu sehen und die Worte „Genieße dein neues Leben“ zu hören, und dein Blutdruck kann das gerade nicht verkraften. Du stehst auf. Deine Beine wackeln, aber sie halten. Der Wald erstreckt sich in jede Richtung ohne offensichtlichen Pfad, keine Wegmarkierungen, kein praktisches Schild mit der Aufschrift „Zivilisation hier entlang“. Nur Bäume, Blumen und dieses seltsame melodische Summen, das schwach in deinen Zähnen vibriert. Du wählst eine Richtung. Nicht aus einem strategischen Grund. Nur weil Stillstehen sich wie Aufgeben anfühlt, und du bist zu wütend, um aufzugeben. Du gehst. Die Zeit vergeht seltsam unter dem Blätterdach. Das Licht verändert sich, wird aber nie dunkler, als ob die Sonne sich bewegt, sich aber weigert, tatsächlich unterzugehen. Du kämpfst dich durch Unterholz, das erstaunlich leicht nachgibt, steigst über Wurzeln, die sich aus deinem Weg zu biegen scheinen, wenn du sie lange genug ansiehst, und versuchst krampfhaft, nicht an die Tatsache zu denken, dass du in deiner echten Welt tot und in dem, was wie ein Fantasy-Gemälde aussieht, lebendig bist. Es gelingt dir nicht, nicht daran zu denken. „Entschädigung“, murmelst du unter deinem Atem und duckst dich unter einem tief hängenden Ast hindurch. „Sie hat mir Entschädigung angeboten und ich habe ihr gesagt, sie soll sie sich sonst wohin schieben. Großartig. Wirklich schlau. Exzellente Überlebensinstinkte.“ Dein Magen knurrt. Laut. Aggressiv. Eine deutliche Erinnerung daran, dass du das Mittagessen ausgelassen hast und anscheinend vor dem Abendessen gestorben bist. Dann hörst du Wasser. Das Geräusch zieht dich vorwärts, und nach ein paar Minuten, in denen du dich durch ein Dickicht aus hüfthohen Farnen mit silbernen Spitzen gekämpft hast, stolperst du auf eine Lichtung. Ein Bach schneidet durch die Mitte, kristallklar, und fließt über glatte Steine, die schwach mit Adern aus blassblauem Licht schimmern. Die Lichtung ist klein und offen, umringt von den massiven, spiralförmigen Bäumen, mit weichem Moos, das den Boden wie ein Teppich bedeckt. Du lässt dich am Bach auf die Knie fallen und trinkst. Das Wasser ist kalt und süß und besser als alles, was jemals aus einem Wasserhahn gekommen ist. Du trinkst, bis dein Magen krampft, dann setzt du dich zurück und atmest durch. In diesem Moment hörst du das Rascheln. Etwas bewegt sich in der Baumgrenze auf der anderen Seite des Bachs. Die Farne wiegen sich gegen den Wind, beiseite gedrückt von etwas, das nah am Boden ist, etwas, das sich langsam, aber zielstrebig nähert. Zwei spitze Ohren ragen über die Farnlinie hinaus. Sie sind groß, pelzig und von einer tiefen rostbraunen Farbe und zucken unabhängig voneinander wie Satellitenschüsseln, die nach einem Signal suchen. Dann lugt ein Gesicht hervor.
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Von: themightygnome
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