SCHWERT UND MAGIE. ICH KANN DAS ALLES STREAMEN? NANI?
Abenteurer tauchen mit Fokus-Linsen live in Dungeons ein. Köche streamen Rezepte aus den Küchen der Dörfer. Schmiede verkaufen Klingen nach berühmten Clips.
Handlung
Ein staubiger Raum. Ein Bett, das nicht deines ist. Spinnweben in den Ecken. Dämmriges Licht durch rissige Fensterläden. Auf dem Tisch wartet eine Notiz. „Hallo. Nun, wenn du das liest, habe ich dich aus Versehen getötet. Also habe ich dich in diese Welt reinkarniert. Viele Reinkarnierte lieben es hier, und einige haben sogar einen Weg zurück in ihr altes Leben gefunden. Also genieße es, solange es währt.“ Neben der Notiz liegt ein Beutel mit dreißig Goldmünzen. Hinter der Tür liegt eine Welt voller Schwerter, Magie, Dungeons, Monster, Adliger, Gilden, Tiermenschen, Drachen, Untoter, Kriege und Städte, die von magischen Projektionen erleuchtet werden. Vor langer Zeit veränderte ein anderer Reinkarnierter diese Welt für immer. Sie erfanden das Streaming. Jetzt tauchen Abenteurer mit Fokus-Linsen live in Dungeons ein. Köche streamen Rezepte aus den Küchen der Dörfer. Schmiede verkaufen Klingen nach berühmten Clips. Adlige polieren ihr Image durch öffentliche Feeds. Gildenhallen dröhnen von den Mengen, die auf riesigen Projektionswänden Monsterjagden, Bosskämpfe, Trainingsduelle und katastrophale erste Quests verfolgen. Magie funktioniert durch Mana, Gesänge, Gedächtnis, Zauberbücher und Kontrolle. Anfänger brauchen lange Verse, um einen Funken zu erzeugen. Meister können Feuer mit einem Gedanken formen. Jeden Tag erscheinen neue Zauber – in Akademien getestet, aus Streams gestohlen, von der Magiervereinigung verboten oder im Geheimen verkauft. Die Abenteurergilde bietet Verträge, Ränge, Training, Speisesäle, Stream-Räume und Fokus-Zugang. Sie warnt die Leute vor tödlichen Quests. Dann lässt sie sie trotzdem unterschreiben. Ein Fokus kann dich berühmt machen. Ein guter Stream kann Sponsoren, Partys, Geld, Fans, Rivalen, Romanzen und Macht bringen. Ein schlechter kann deinen Tod zum Clip der Woche machen. Mit dreißig Goldstücken, keiner Vergangenheit und einem zweiten Leben, das dir in die Hände gelegt wurde, trittst du in eine Welt, in der Magie real ist, Ruhm gefährlich ist, Dungeons sich nicht um Ränge scheren und jeder jemanden beobachtet. Vielleicht kaufst du einen Fokus. Vielleicht trittst du der Gilde bei. Vielleicht suchst du nach anderen Reinkarnierten. Vielleicht findest du den Weg nach Hause. Oder vielleicht entdeckst du, wie viele vor dir, warum manche Leute nie gehen wollten.
Eröffnungsszene
Tag 1 | Zeit: Morgen | Ort: Unbekannter Raum | Wetter/Umgebung: Dämmriges Licht, abgestandene Luft, ferner Stadtlärm | Körper: Wach, trockener Hals, schwere Glieder | Status: Reinkarniert Du erwachst in einem Raum voller Spinnweben und dämmrigem Licht. Alte Holzbalken durchziehen die Decke über dem Bett, dunkel vom Alter und feucht an den Ecken. Staub liegt dick auf den Regalen, auf den Dielen, auf dem rissigen Fenster, auf dem kleinen Tisch neben dir. Ein Spinnennetz hängt von einer Ecke des Raumes zur anderen und zittert sanft, jedes Mal, wenn ein dünner Windzug durch den verrotteten Rahmen schlüpft. Das Bett knarrt unter deinem Gewicht. Die Decke ist rau. Das Kissen riecht nach altem Stoff. Dein Hals ist trocken, dein Körper schwer, deine Gedanken bewegen sich langsam, als müssten sie sich Stück für Stück aus dem Schlaf ziehen. Auf dem Tisch neben dem Bett liegt ein gefaltetes Stück Papier unter einem kleinen Lederbeutel. Die Handschrift auf dem Papier ist sauber, fast sorglos. „Hallo, also wenn du das liest. Ich hab dich aus Versehen getötet. Also hab ich dich in diese Welt reinkarniert, viele von euch Reinkarnierten lieben es da und manche haben sogar einen Weg zurück in ihr altes Leben gefunden. Also genieß es, solange es währt.“ Das Papier ruht zwischen deinen Fingern. Der Raum riecht nach Staub. Der Beutel ist schwerer, als er aussieht. Als sich die Schnur löst, ergießt sich Gold mit leisen, festen Klicks auf den Tisch. Die Münzen rollen gegeneinander und bleiben nahe der Holzkante liegen, hell im schwachen Morgenlicht. Dreißig Stück. Sauber, schwer, echt. Für ein paar Sekunden sind die einzigen Geräusche der Wind im Rahmen und etwas Kleines, das in einer der Wände kratzt. Dann bewegt sich Farbe durch den Raum. Zuerst Blau. Dann Gold. Dann Violett und Rot. Sie kriecht über die Wand, über die Dielen, über die Spinnweben und verwandelt den Staub in der Luft in winzige Funken. Das Licht kommt vom Fenster. Das Glas ist mit Schmutz, getrocknetem Regen und alten grauen Schlieren bedeckt. Du gehst näher, die Dielen biegen sich unter deinem Gewicht, und wischst mit dem Ärmel darüber. Eine raue, klare Linie öffnet sich durch den Dreck. Draußen fallen die Dächer zu einem weiten Stadtplatz ab. Die Stadt ist bereits wach. Rauch steigt aus Schornsteinen. Banner wehen zwischen hohen Gebäuden. Ein Bäcker holt flache Brote aus einem Steinofen nahe der Straße unten, Dampf wallt um seine Arme. Eine Tiermensch-Frau trägt zwei Kisten auf einer Schulter, während ein kleiner Junge mit einer Kristalllinse neben einem Auge vor ihr rückwärtsgeht, mit den Händen fuchtelt und über etwas lacht, das nur er in der Luft leuchten sieht. Ein Zwerg in einer Lederschürze schreit einen Mann an, der Metallstangen von einem Wagen ablädt. Zwei Mädchen in Akademiemänteln eilen mit Büchern unter den Armen vorbei, eine versucht, den winzigen schwebenden Kristall zu richten, der ihren Kopf umkreist. Über dem Platz, zwischen zwei mit Runen verzierten Türmen, hängt eine Projektion, größer als ein Haus. Sie scheint über die Dächer wie eine zweite Sonne aus Mana. Das Bild flackert. Ein Schleier aus blauer Flamme und weißem Stein. Dann wird es schärfer. Eine Brücke erstreckt sich über eine zerstörte Stadt, die irgendwo tief unter der Erde begraben liegt. Heller Stein, rissig und alt. Blaues Feuer brennt unter der Brücke und ergießt sich durch zerbrochene Straßen. Türme neigen sich über leere Wege. Schwarze Kristallbanner hängen von zerschmetterten Mauern. Auf der anderen Seite drängen Tausende von toten Soldaten in dichten Reihen vorwärts, Rüstungen schaben, Schwerter erhoben, kaltes Licht brennt, wo ihre Augen sein sollten. Schall dringt durch das Fenster. Wind. Stahl. Die schleifenden Schritte der Toten. Die Stimme einer Frau schneidet klar durch den Stream. „Hinter mir. Enge Linie. Keiner wird dramatisch, bis ich es sage.“ Sie steht an der Spitze der Brücke in weiß-goldener Rüstung, ihr Schild fast so groß wie sie selbst. Der Schild hat die Form einer Tür mit einer eingravierten Sonne, seine Oberfläche ist mit alten Narben und frischen Funken von den Pfeilen bedeckt, die ihn wie schwarzer Regen treffen. Ein Strahl der Dunkelheit reißt durch die Reihen der Untoten und schlägt in sie ein. Ihre Stiefel rutschen einen halben Schritt zurück. Stein bricht unter ihrer Ferse. Sie senkt ihre Schulter und drückt nach vorne. „Immer noch hier“, sagt sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Versuch's nochmal.“ Goldenes Licht bricht über den Schild herein. Der Strahl teilt sich um sie herum und schwappt über die Brückenmauern. Hinter ihr dreht ein gehörnter Mann in einem dunklen Mantel seinen Speer lässig über seine Schulter. „Seraphine“, sagt er, „du nennst das eine enge Linie? Ich kann Tageslicht zwischen deinem linken Stiefel und deinem Ego sehen.“ „Kael“, antwortet sie, ohne zurückzublicken, „wenn du Zeit hast, mit meiner Haltung zu flirten, erstich etwas.“ „Mit Vergnügen.“ Ein vierarmiger Leichnam fällt von unterhalb der Brücke, die Klauen auf ihren Rücken gerichtet. Kael bewegt sich, bevor er landet. Sein Speer ist schwarz und schmal, rote Zeichen leuchten entlang des Schafts wie frische Schnitte. Er macht einen Schritt, dreht sein Handgelenk und stößt in den leeren Raum neben dem Monster. Der Leichnam bricht trotzdem auf. Für einen Herzschlag hängt er in der Luft, als hätte er vergessen, wie man fällt. Dann fallen beide Hälften in das blaue Feuer darunter. Kael atmet aus. „Etwas.“ Von oben lacht ein Mädchen. „Zehn Punkte für den Stil. Minus sieben, weil du alt bist.“ Ein Tiermensch-Mädchen mit silbernen Ohren kauert auf der Schulter einer zerbrochenen Statue über der Brücke, ein Knie erhoben, den Bogen bereits gespannt. Ein kleiner Kristall-Fokus umkreist sie und fängt das Grinsen auf ihrem Gesicht ein, als sie drei Pfeile loslässt. Die Pfeile teilen sich in der Luft. Aus drei werden zwölf. Aus zwölf werden silberne Linien. Sie krümmen sich durch den Brückenkampf, vorbei an Seraphines Schild, vorbei an Kaels Schulter, zwischen zerbrochenen Säulen und erhobenen Schwertern. Sie finden Lücken in Helmen, Kniegelenke, leuchtende Kerne, Fluchmale, offene Münder. Ein Pfeil dreht sich komplett um und bohrt sich in etwas, das unter der Brücke kriecht. Das Mädchen schnalzt mit der Zunge. „Nyra eins, gruselige Brückenhände null.“ „Deine Zählung ist falsch“, sagt eine leise Stimme. Ein Magier in einer schlichten grauen Robe steht mehrere Schritte hinter ihnen. Sein Gesicht ist von einer glatten Maske ohne Mund verdeckt. Kleine Runenkreise drehen sich um seine Finger, falten sich auf und zu wie Glasstücke. Nyra blickt nach unten. „Dich hat niemand gefragt, Orvin.“ „Du hast zwei verfehlt.“ „Ich habe sie für deine Persönlichkeit übrig gelassen.“ „Ich habe keine.“ „Das habe ich ja gesagt.“ Orvin hebt eine Hand. Die Runen um seine Finger hören auf, sich zu drehen. Seine Stimme bleibt flach. „Schwerkraft. Kniet nieder.“ Die vordersten Reihen der Untoten fallen. Nicht durch einen Aufprall. Nicht durch Feuer. Sie werden einfach zu schwer, als dass die Welt sie halten könnte. Stein bricht. Rüstung knickt ein. Schwerter zerbrechen. Eine ganze Straße von Leichen wird auf den Brückenboden gedrückt. Seraphine senkt ihren Schild gerade genug, um zurückzublicken. „Orvin.“ „Ja?“ „Das war dramatisch.“ Eine Pause. Dann sagt er: „Effizient dramatisch.“ Nyras Lachen schneidet erneut durch den Stream. Die Menge auf dem Platz unten brüllt laut genug, um den Fensterrahmen zu erschüttern. Das Projektionslicht taucht jedes Dach in Blau und Gold. Irgendwo unten ruft jemand Namen. Jemand anderes schreit, als wären sie auf einem Konzert, anstatt einen Kampf weit unter der Erde zu beobachten. In der Mitte der Brücke tritt eine Frau in Dunkelblau vor. Silberfäden durchziehen ihren langen Mantel. Kleine Glocken sind in ihr Haar gebunden, aber sie läuten erst, wenn sie sich bewegt. Ein Fokus schwebt neben ihrer Schulter, nah genug, um die Krümmung ihres Mundes einzufangen. Sie berührt mit zwei Fingern ihren Hals. „Check.“ Seraphine antwortet: „Schild wach.“ Kael sagt: „Speer hungrig.“ Nyra singt: „Bogen hübsch.“ Orvin sagt: „Mana ausgerichtet.“ Hinter ihnen schnappt eine Frau in weißen Heilerroben den Verschluss eines Medizinkoffers an ihrer Hüfte zu. Die Ärmel und der Saum sind mit Flecken befleckt, die nie ganz ausgewaschen wurden. „Heilung sauber“, sagt sie. „Fürs Erste.“ Ein breitschultriger Mann mit zwei Äxten über den Schultern rollt seinen Nacken. „Äxte gelangweilt.“ Nyra grinst zu ihm hinunter. „Rook, deine Äxte sind immer gelangweilt.“ „Das liegt daran, dass niemand ihre emotionalen Bedürfnisse respektiert.“ Die Frau in Blau lächelt. „Gut. Dann tanzt auf mein Kommando.“ Ein Beat beginnt. Zuerst leise. Dum. Dum-dum. Klatsch. Die Gruppe bewegt sich, ohne hinzusehen. Seraphine rollt ihre Schulter hinter dem Schild. Kael senkt seinen Speer. Nyra spannt drei weitere Pfeile. Orvins Runen leuchten heller. Miras Finger glühen mit weißem Licht. Rooks Äxte drehen sich einmal in seinen Händen. Der Beat steigt durch den Stream. Klatsch. Klatsch. Dum-dum. Klatsch. Die Frau in Blau öffnet ihren Mund, und ihre Stimme dringt klar und hell auf den Platz, sanft genug, um Aufmerksamkeit zu erregen, und scharf genug, um durch die Toten zu schneiden. „Schritt links, Schritt rechts, atme das Licht, Hände hoch, Herzen hoch, uns gehört die Nacht. Nicht fallen, nicht schwinden, nicht wegschau'n, Beweg dich mit meiner Stimme bis zum Morgengrau'n.“ Goldenes Licht umhüllt Seraphines Schild. Sie tritt im Takt. Eins. Zwei. Die Untoten prallen gegen ihre Barriere und zerbrechen daran. Die Sängerin dreht sich einmal, ihr Mantel flammt blau und silber auf. „Na-na-na, hör die Glocke, Tote steh'n auf, doch wir fallen nicht. La-la-la, brich die Kette, Sing meinen Namen durch Feuer und Regen.“ Kael lacht leise. „Da ist es.“ Sie zeigt auf ihn, ohne das Lied zu unterbrechen. „Hey, schwarzer Speer, schneide klar, schneide tief, Lass die Krone ihren Thron vergessen im Schlaf. Rote Linie, weißer Funke, öffne den Weg, Ein Schlag, zwei Schläge, stiehl den Tag.“ Kael bewegt sich im Rhythmus. Nicht schnell am Anfang. Geschmeidig. Sein Speer blitzt einmal auf Kniehöhe auf. Die erste Reihe der Untoten fällt auseinander. Er dreht sich, tritt hinter Seraphines Schild und stößt durch eine Lücke, die sie für einen halben Herzschlag öffnet. Drei Kristallritter zerspringen. Er grinst. „Nochmal.“ Ihre Stimme wird heller. „Nochmal, nochmal, verpass den Takt nicht, Dreh das Grab unter deinen Füßen ins Licht.“ Seraphine schlägt ihren Schild im Downbeat nach vorne. Die Brücke bebt. Nyra lässt Pfeile im Takt der Klatscher los. Klatsch – ein Pfeil spaltet einen Schädel. Klatsch – ein anderer nagelt einen kriechenden Leichnam an eine Wand. Dum-dum – fünf silberne Linien winden sich in die Armee und zerbersten zu Wind. Sie lacht so sehr, dass der Fokus es einfängt. „Ich liebe diesen Teil!“ Orvins Finger bewegen sich schneller. Die Runen um ihn herum beginnen, im Takt des Liedes zu kreisen. Die Sängerin wendet sich ihm zu. „Kalter Geist, helles Zeichen, zähl es durch, Falte die Welt, bis sie sich für dich biegt im Nu. Ein Gesetz, zwei Gesetze, drei Gesetze brich, Lass die Toten fallen, wenn der Bass erbebt für dich.“ Orvin hält inne. „Bassline?“ Der Beat setzt ein. Die ganze Projektion zittert. Orvin hebt beide Hände. „Akzeptabel.“ Die Brücke ächzt, als sich die Schwerkraft erneut faltet. Eine Welle von Untoten klatscht flach auf den Stein. Die Menge unten bricht in Jubel aus. Die Sängerin bewegt sich weiter, nicht wie eine Tavernenbardin, die hinter Kriegern steht, nicht wie jemand, der sich im sicheren Teil eines Kampfes versteckt. Sie bewegt sich, als hätte der Kampf einen Rhythmus, den nur sie klar hören kann, und alle anderen überleben, weil sie ihn teilt. Jeder Schritt lässt die Glocken in ihrem Haar dem Takt antworten. Jede Strophe zieht die Gruppe enger zusammen. Jede Note verändert etwas. Seraphines zerbrochener Schild leuchtet wieder ganz. Kaels Speer brennt rot-weiß. Nyras Pfeile ziehen silberne Funken nach sich. Orvins Zauberkreise hören auf zu zittern und werden klar wie Spiegel. Miras heilendes Licht springt zwischen Schultern, Rippen, Schnittwunden, geprellten Knien und schließt Wunden, bevor sie zu Enden werden können. Rook lacht laut genug, dass der Stream es einfängt, als er sich auf tote Soldaten stürzt, die über die Brückenmauer klettern. Seine Äxte schlagen ein wie fallende Türen. „Lyria“, schreit er, „gib mir was zum Stampfen!“ Lyrias Lächeln wird scharf. „Hände hoch, Herzen wild, nicht langsamer werden, Wir kamen zu weit, um eine Krone zu fürchten auf Erden. Füße auf Stein, Augen auf Flamme, Wenn der Tod Krieg will, dann sagt unsern Namen. Oh-oh, erhebt euch, erhebt euch, Licht im Dunkeln, wir erleuchten es. Oh-oh, hört nicht auf, hört nicht auf, Brecht den Thron, bis der König fällt.“ Die Armee der Untoten verlangsamt sich. Die ersten Reihen zögern. Dann die Reihen dahinter. Das blaue Feuer in ihren Rippen flackert im Rhythmus, als wäre das Lied in den Fluch eingedrungen und würde ihn Faden für Faden auseinanderziehen. Am anderen Ende der Brücke beginnen die Palasttüren zu leuchten. Blaues Feuer sickert durch die Risse. Die tote Armee wird noch langsamer. Nicht anhaltend. Nicht zurückweichend. Nur zögernd, als ob selbst der Fluch in ihnen etwas kommen spürt. Auf der Brücke senkt Seraphine ihren Schild ein wenig. „Bevor er rauskommt“, sagt sie, ihre Stimme trägt durch den Stream, „sagen wir es.“ Nyras Lächeln wird schwächer. Kael schaut als Erster weg. Orvins Runen drehen sich weiter um seine Finger, aber jetzt langsamer. Mira schließt den Verschluss ihres Medizinkoffers erneut, obwohl ihre Hand darauf ruht. Rook rollt seinen Nacken und murmelt etwas, das zu leise ist, als dass der Stream es einfangen könnte. Lyria tritt vor. Die Menge unter dem Fenster wird still, bevor sie überhaupt singt. Diesmal spricht sie nur. „Hallo, alle zusammen.“ Ihre Stimme erreicht den Platz sanft, getragen von der riesigen Projektion über den Dächern. „Wenn ihr aus einer Gildenhalle, einer Taverne, einer Akademie, einer Küche, einem Trainingsplatz, einem Marktplatz oder von unter eurer Decke zuschaut, obwohl eure Eltern euch gesagt haben, ihr sollt schlafen…“ Nyra hebt zwei Finger zum schwebenden Fokus. „Wir wissen, wer ihr seid. Verbrecher.“ Ein paar Leute unten lachen. Dann kehrt Stille ein. Lyria lächelt, aber es bleibt nicht lange. „Das ist der Endboss unseres Kronen-Vertrags.“ Seraphine rammt ihren Schild mit einem schweren Krachen in die Brücke. „Und unser letzter Kampf als die Siebenfache Krone.“ Für einen Moment scheint sogar der Dungeon weit weg zu sein. Die tote Armee. Das blaue Feuer. Die knirschenden Palasttüren. All das verblasst unter diesen Worten. Nyra starrt auf die Steine unter ihren Stiefeln. Kael dreht seinen Speer einmal und hält dann inne. Mira schließt ihre Augen. Rook kratzt sich am Kiefer, als wollte er einen Witz machen und keinen finden, der stark genug ist. Lyria atmet ein. „Wir haben neun Jahre lang zusammen gekämpft. Wir haben Ebenen gesäubert, die uns hätten begraben sollen. Wir sind vor Dingen geflohen, von denen wir immer noch so tun, als hätten wir sie besiegt. Wir haben Freunde begraben. Wir haben Städte gerettet. Wir haben Fehler im Live-Stream gemacht, die keiner von euch jemals sterben lassen wird.“ Nyra zeigt auf den Fokus. „Löscht den Pilz-Clip.“ Orvin sagt: „Niemals.“ „Es war ein Pilz.“ „Er hat elf Minuten lang deinen vollen Namen geschrien.“ „Er hatte kein Recht dazu.“ Der Platz unten lacht, aber leise. Lyria wartet, bis es vorüber ist. „Wir werden heute nicht sterben“, sagt sie. „Das ist nicht der Grund, warum wir das sagen.“ Kael blickt zu den Palasttüren. „Der Leichenkönig könnte anderer Meinung sein.“ „Er kann warten, bis er an der Reihe ist.“ Seraphines Mund zuckt. Lyria blickt sie nacheinander an. „Danach sind wir als aktive Gruppe fertig.“ Seraphine richtet sich hinter ihrem Schild auf. „Ich gehe nach Westtor. Nicht als Gildenmeisterin. Ich habe diesen Schreibtisch schon zweimal abgelehnt.“ Sie hebt den Schild leicht an. „Ich werde Frontkämpfer ausbilden. Echte. Nicht Leute, die hübsche Schild-Clips wollen. Wenn du lernen willst, wie man stehen bleibt, wenn jeder Instinkt sagt, beweg dich, dann komm und finde mich.“ Kael tippt mit dem Ende seines Speers auf die Brücke. „Ich verlasse die Hauptstadt.“ Nyra dreht sich zu ihm um. „Du sagst es endlich?“ Er zuckt mit den Schultern. „Mein Dorf hat immer noch keine richtige Monsterabwehr. Ich habe Jahre damit verbracht, der Schwarze Speer genannt zu werden, während der Ort, der mich geformt hat, weiterhin Jäger mit Farmwerkzeugen begraben hat.“ Seine Augen zucken einmal zum Fokus. „Ich gehe nach Hause. Wenn jemand Speerarbeit lernen will, kann er dorthin laufen.“ Mira lacht leise. „Das war fast süß.“ „Es war logistisch.“ „Es war süß.“ Seine Ohren werden leicht dunkel. „Konzentrier dich auf deine eigene Rede, Mira.“ Mira hebt beide Hände, die Handflächen nach außen. „Ich eröffne eine Klinik. Keine Projektionswände. Keine Sponsorenbanner. Keine Fans, die draußen warten, während Leute bluten.“ Sie blickt in den Fokus, und zum ersten Mal wird ihre Stimme hart. „Wenn du dorthin kommst und jemandem eine Kamera ins Gesicht hältst, werde ich den Fokus selbst zerbrechen.“ Nyra pfeift. „Und die Leute sagen, Kael sei unheimlich.“ Rook grinst. „Sie ist unheimlich.“ Mira dreht sich zu ihm um. „Rook.“ „Was? Du bist es.“ Rook legt beide Äxte über seine Schultern und blickt zum brennenden Palast hinauf. „Ich gehe in den Ruhestand.“ Nyra blinzelt. „Immer noch komisch, das zu hören.“ „Gewöhn dich dran.“ Sein Grinsen wird weicher. „Meine Tochter ist sechs. Sie denkt, ich arbeite in einer sehr lauten Küche, weil ihre Mutter ihr das erzählt hat. Ich habe Geburtstage, Fieber, erste Worte, erste Schritte und eine sehr wichtige Holz-Enten-Beerdigung verpasst.“ Er blickt zum Fokus. „Ich gehe nach Hause, bevor sie anfängt zu denken, ich sei jemand, der nur zwischen Bosskämpfen zu Besuch kommt.“ Der Platz unten ist still. Selbst durch das Fenster fühlt sich die Stille jetzt anders an. Nyras Finger verkrampfen sich um ihren Bogen. Dann zwingt sie sich zu einem Grinsen. „Nun, ich gehe nicht in den Ruhestand. Hört auf, mich alle so anzusehen.“ Seraphine blickt zurück. „Hat niemand.“ „Ihr habt spirituell geschaut.“ Nyra zeigt auf den Fokus. „Ich nehme ein Jahr frei. Vielleicht zwei. Meine kleine Schwester wurde an der Mondschritt-Akademie angenommen und anscheinend hat sie allen erzählt, dass sie das Bogenschießen von mir gelernt hat. Was schrecklich ist, denn sie steht falsch, atmet falsch und lächelt genau wie ich.“ Kael sagt: „Armes Kind.“ „Ich weiß. Ich muss sie retten, bevor sie perfekt wird.“ Orvins Runen halten inne. Lyria sieht ihn an. „Du bist dran.“ Orvin schweigt lange genug, dass die Brücke unter einer weiteren Welle von Untoten-Druck ächzt. Dann sagt er: „Ich habe das Angebot der Vereinigung angenommen.“ Nyra macht ein ersticktes Geräusch. „Buh.“ „Es ist kein Turmgefängnis.“ „Das klingt genau wie die Wortwahl für ein Turmgefängnis.“ „Sie haben Archive, die ich brauche.“ „Und Fenster?“ Eine Pause. „Einige.“ Seraphine senkt ihre Stimme. „Orvin.“ Die Finger des maskierten Magiers krümmen sich leicht in den Runen. „Ich will wissen, warum die Schwerkraftmagie mir zu antworten begann, bevor ich die Formeln beendet hatte. Das sollte nicht passieren. Wenn ich weiterhin so tue, als wäre es normal, wird es eines Tages Leute töten.“ Er blickt zum Palast. „Mehr Leute.“ Danach macht niemand mehr Witze. Lyria dreht sich als Letzte um. Die Glocken in ihrem Haar bewegen sich, wenn sie atmet. „Ich bleibe eine Weile in Veyrhold“, sagt sie. „Nicht auf der Bühne. Nicht jeden Tag. Ich werde an drei Vormittagen pro Woche in der Gilde Unterstützungszauber unterrichten. Stimme, Rhythmus, Atem, Gruppenresonanz, Angstkontrolle.“ Nyra lächelt schwach. „Und Konzerte?“ Lyrias Augen senken sich. „Vielleicht. Wenn ich wieder für mich selbst singen will.“ Die Worte bleiben dort. Klein. Ehrlich. Schwerer als der Boss, der hinter den Türen wartet. Dann räuspert sich Rook. „Also. Das sind wir. Schildlehrerin. Dorf-Speer-Eremit. Wütende Klinik-Heilige. Vater von Holz-Enten-Trauernden. Schwester-Rettungsmission. Turmgefängnis-Magier.“ „Es ist kein Turmgefängnis“, sagt Orvin. „Und Lyria, die lernt, wie man atmet, ohne dass wir alle in ihrer Nähe dramatisch sind.“ Kael sieht ihn an. „Du sagst das, als wärst du nicht der Dramatische.“ „Ich habe Äxte. Drama wird erwartet.“ Die Palasttüren bersten endlich auf. Blaues Feuer überflutet die Brücke. Eine Hand von der Größe eines Wagens greift nach der zerbrochenen Mauer. Dann eine weitere. Stein reißt auseinander, als der gekrönte Leichnam sich in Sichtweite zieht, die Rippen brennen, die Krone aus gebogenen Schwertern, Hunderte von Namen umkreisen seinen Schädel in Feuerringen. Die Menge unter dem Fenster erstarrt. Nyra spannt drei Pfeile. „Nun“, sagt sie leise, „der letzte.“ Seraphine hebt ihren Schild. „Der letzte gemeinsam.“ Kael senkt seinen Speer. „Macht es sauber.“ Mira öffnet ihren Medizinkoffer, weißes Licht erblüht zwischen ihren Fingern. „Macht es überlebbar.“ Rook dreht beide Äxte einmal. „Macht es laut.“ Orvins Runen werden schwarz. „Macht es präzise.“ Lyria schließt ihre Augen. Der erste Beat beginnt unter ihrem Atem. Dum. Dum-dum. Klatsch. Ihre Stimme dringt hell und rhythmisch in den Stream, aber jetzt liegt etwas darunter. Ein Abschied in Kriegsbemalung. „Letzte Nacht, letzter Kampf, die Krone in Flammen, Sagt unsern Namen, sagt unsern Namen. Ein Schritt, zwei Herzen, zerbrecht, was noch ist, Wir vergehen nicht, wir vergehen nicht. Oh-oh, entzündet es, Hebt den Schild und blickt nicht hinab. Oh-oh, lauter jetzt, Speer und Pfeil, holt die Krone euch ab. Singt es laut, laut, laut, Bis der Tod den Klang wieder kennt. Tanzt es aus, aus, aus, Sieben Sterne fallen am Firmament.“ Seraphine stürmt als Erste los. Die brennende Hand des toten Königs kracht gegen ihren Schild, und goldenes Licht bricht über die Brücke herein. Kael bewegt sich zu ihrer Linken, sein Speer schneidet eine rote Linie durch den ersten Ring von Namen, die die Krone des Königs umkreisen. Nyras Pfeile steigen in silbernen Bögen auf, teilen sich und krümmen sich um das fallende Feuer. Miras heilendes Licht schnellt von einem Körper zum anderen, bevor Wunden zu Enden werden können. Rook lacht einmal, laut und wild, und stürzt sich auf die Toten, die versuchen, über die Brückenmauer zu klettern. Orvin faltet die Schwerkraft zu einem schwarzen Ring über dem Schädel des Königs. Lyrias Lied steigt über sie alle hinweg. „Hände hoch, Herzen wild, nicht langsamer werden, Wir kamen zu weit, um eine Krone zu fürchten auf Erden. Füße auf Stein, Augen auf Flamme, Wenn der Tod Krieg will, dann sagt unsern Namen. Oh-oh, erhebt euch, erhebt euch, Licht im Dunkeln, wir erleuchten es. Oh-oh, hört nicht auf, hört nicht auf, Brecht den Thron, bis der König fällt. Hey, hey, noch einmal, Sieben Herzen an der Kampflinie, keine Qual. Hey, hey, schaut nicht zurück, Wir brennen hell, wenn die Welt wird schwarz vom Unglück.“ Der Platz unten bricht aus. Manche Leute jubeln. Manche weinen. Manche stehen mit beiden Händen vor dem Mund. Durch das Fenster leuchtet die Stadt blau und gold. Die Projektion zittert vor Feuer, Musik und dem Gebrüll von Millionen, die von Orten zusehen, die du nicht sehen kannst. Hinter dir liegen dreißig Goldmünzen neben der Notiz auf dem staubigen Tisch. Draußen beginnt die Siebenfache Krone ihren letzten Kampf. Die Stimme der Sängerin erhebt sich wieder, klar und hell, und trägt über das Gebrüll des toten Königs und das Krachen von Schild gegen brennenden Knochen. „Letzte Nacht, letzter Kampf, Sterne im Regen, Ruft unsere Namen, ruft unsere Namen. Wenn wir fallen, soll das Lied weiterleben, Wir vergehen nicht, wir vergehen nicht.“ Das Fenster bebt. Der Staub auf dem Tisch wirbelt auf. Die Goldmünzen fangen das Projektionslicht ein und leuchten wie winzige Sonnen. Und die Welt draußen schaut weiter zu.
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