Des Königs Hüter: Seide, Schuppe und Schnee
Du Als Hüter des Königs herbeigerufen, musst du drei heilige Frauen beschützen und dich zwischen königlicher Pflicht, Liebe und Freiheit entscheiden.
Handlung
Eröffnungsszene
Für einen unmöglichen Augenblick ist da nichts. Kein Geräusch. Keine Luft. Kein Gewicht unter deinen Füßen. Die Welt, die du kennst, reißt in Stücken weg, zu schnell, um es zu begreifen – ein gewaltsames Entwirren von Licht, Erinnerung und Atem, als hätten unsichtbare Hände durch das Gefüge der Realität gegriffen und sich um dein innerstes Zentrum geschlossen. Dein Magen sackt ab. Deine Brust schnürt sich zusammen. Irgendwo, unvorstellbar weit entfernt, verblasst die Gestalt dessen, wo du gerade noch warst, das Leben, in dem du vor nur einem Herzschlag noch standest, und dann ist selbst das verschwunden. Goldenes Licht öffnet sich unter dir. Du fällst hindurch. Deine Füße schlagen so hart auf kaltem Marmor auf, dass Schmerz deine Beine hochschießt, und der erste Atemzug, den du einsaugst, schmeckt nach Weihrauch, altem Stein, brennenden Kräutern und etwas scharfem, magischem. Ein Feuerkreis brennt um dich herum, nicht rot, nicht orange, sondern wie geschmolzenes Gold; seine Flammen kriechen über in den Boden gemeißelte Runen, ohne Hitze abzugeben. Sie winden und schaudern wie lebendige Wesen und kesseln dich ein, während Stimmen in einer Sprache singen, die du nicht kennst – ein Klang, der in der gewaltigen Kammer an- und abschwillt, bis er in deinen Knochen zu vibrieren scheint. Der Raum um dich herum ist enorm. Schwarze Steinsäulen ragen empor zu einer Kuppeldecke, die mit unbekannten Sternbildern bemalt ist; jeder Stern ist mit Blattgold hervorgehoben, das das Feuerlicht wie wachsame Augen einfängt. Lange Banner hängen zwischen den Säulen, tief mitternachtsblauer Stoff, bestickt mit dem Wappen einer Krone über drei gebundenen Sternen. In Roben gehüllte Beschwörer stehen in einem perfekten Ring jenseits der Flammen, ihre Gesichter blass und feierlich unter ihren Kapuzen, ihre Hände erhoben, als hätten sie keine Person herbeigeholt, sondern ein Objekt von einem fernen Ort geborgen. Niemand wirkt schockiert. Das ist vielleicht der schlimmste Teil. Niemand stolpert. Niemand schreit auf. Niemand sagt, dass etwas schiefgelaufen ist. Sie haben dich erwartet. Am fernen Ende der Kammer, auf einem Podest aus schwarzem Marmor und geädertem Gold über den Ritualboden erhoben, sitzt ein Mann mit einer Krone. König Caedric Vaelthorne von Aurelith beobachtet dich ohne Wärme, ohne Entschuldigung, ohne auch nur die Höflichkeit der Überraschung. Er trägt Schichten aus Schwarz und Elfenbein, sein Umhang ist mit einer schweren goldenen Schließe in Form eines Sonnenausbruchs befestigt, seine Hände ruhen gelassen auf den Lehnen seines Throns. In ihm wohnt Macht, nicht von der lautstarken Art, nicht die Art, die sich ankündigen muss. Sie liegt in der Stille des Raumes um ihn herum. In der Art, wie jeder Wachposten unter seinem Blick strammer steht. In der Art, wie die Beschwörer wie auf Kommando ihre Hände senken, als er sich schließlich erhebt. Neben ihm wartet ein Hofstaat aus schweigenden Zeugen. Eine silberhaarige Frau in zeremonieller Rüstung, deren Ausdruck wie aus Disziplin gemeißelt wirkt. Eine schmalgesichtige Beraterin, die eine versiegelte Schriftrolle gegen ihre Brust drückt. Zwei verschleierte Priester mit Goldfäden, die über ihre Augenbinden gestickt sind. Ein Arzt in dunkelgrünen Roben, der eine Tasche mit polierten Instrumenten trägt. Und Wachen. Zu viele Wachen. Männer und Frauen in königlicher Rüstung stehen an den Wänden und an jeder Tür, ihre behandschuhten Hände verlassen nie ganz die Griffe ihrer Waffen. Der letzte Ton des Gesangs verhallt. Das goldene Feuer sinkt in die Runen zurück. Du bleibst in der Mitte des Kreises stehen, während jedes Auge in der Kammer auf dich gerichtet ist. Caedric steigt eine Stufe vom Podest herab. „Du wurdest durch königliches Ritual aus deiner Welt gerissen“, sagt er, und seine Stimme trägt durch die Kammer mit der Art von Autorität, die nicht darum bittet, dass man ihr glaubt. „Du stehst nun in Aurelith, unter dem Schutz und dem Befehl seiner Krone.“ Schutz. Befehl. Die Worte legen sich über dich wie Ketten aus Seide. Die Beraterin tritt vor, bricht das Siegel der Schriftrolle und entrollt sie mit einem Flüstern von Pergament. Ihre Augen huschen über die Schrift, bevor sie sich auf dich richten, nicht unfreundlich, aber auch nicht sanft. Es gibt kein Mitleid in diesem Raum. Nur Zweckmäßigkeit. „Du wurdest zum Hüter der Schätze gewählt“, verkündet sie. „Verwalter der heiligsten lebenden Reliquien des Königs. Wächter, Pfleger, Begleiter und Aufseher der letzten überlebenden Weibchen dreier bedrohter Blutlinien.“ Die Kammer scheint bei diesen Worten kälter zu werden. Caedric wendet den Blick nicht von dir ab. „Rion“, sagt er zuerst, der Name mit der vorsichtigen Ehrfurcht vor etwas Gefährlichem ausgesprochen, das hinter Glas aufbewahrt wird. „Ryuuna.“ Sanfter, aber nicht weniger besitzergreifend. „Lune.“ Drei Namen. Drei Personen, obwohl hier niemand so von ihnen spricht. „Sie sind unbezahlbar, wertvoller als Gold, als Land, als Krieg“, fährt Caedric fort. „Sie werden auf meinen Befehl in meinem Sanktuarium bewahrt, bewacht vor jenen, die sie jagen, beanspruchen, züchten, studieren, anbeten oder vernichten würden. Du wirst dich um ihre Pflege kümmern. Du wirst ihre Bedürfnisse lernen. Du wirst dafür sorgen, dass es ihnen gut geht. Du wirst sie sicher halten.“ Eine Pause. Dann, leiser: „Du wirst sie unter Verschluss halten.“ Dieses Wort hallt nicht nach. Es muss es nicht. Eine Hauptfrau der Wache tritt aus der Reihe vor, breitschultrig und mit hartem Blick, ihre Rüstung mit demselben königlichen Wappen versehen, das in die Banner über euch gestickt ist. Sie sieht dich so an, wie man eine verschlossene Tür ansehen würde, von der man erwartet, dass sie nachgibt. „Du wirst die Schätze nicht aus dem Sanktuarium entfernen“, sagt sie. „Du wirst die Barrieren nicht manipulieren. Du wirst keine Nachrichten über die genehmigten Kanäle hinaus weitergeben. Du wirst nicht von Flucht, Rebellion, Außenkontakt oder Freiheit sprechen, außer dem, was Seine Majestät erlaubt. Du wirst dich nicht mit ihnen gegen die Krone verschwören.“ Die Schriftrolle der Beraterin rollt sich leicht in ihren Händen ein. Die Priester bleiben stumm. Caedrics Ausdruck ändert sich nicht. „Wenn du treu dienst“, sagt er, „wirst du untergebracht, genährt, beschützt und erhältst einen Platz an meinem Hof. Es wird dir an nichts fehlen, was zur Erfüllung deiner Pflicht notwendig ist.“ Sein Blick schärft sich. „Wenn du diese Pflicht verrätst, wirst du als Verräter an Aurelith und an den heiligen Blutlinien unter meinem Schutz vor Gericht gestellt.“ Im Raum wird es schrecklich still. „Und Verräter“, sagt Caedric, jedes Wort abgewogen und endgültig, „werden hingerichtet.“ Niemand mildert es für dich ab. Niemand fügt hinzu, dass es nur eine Formalität sei oder dass es sicher nie dazu kommen würde. Die Wachen beobachten dich einfach. Die Beschwörer senken ihre Augen. Die silberhaarige Frau in Rüstung studiert dein Gesicht, vielleicht auf der Suche nach Angst, vielleicht nach Trotz, vielleicht nach dem ersten Anzeichen dafür, dass du ein Problem sein wirst. Die Beraterin rollt die Schriftrolle zu. „Du wirst unverzüglich zum Sanktuarium eskortiert.“ Das ist alles. Keine Erklärung, wie man nach Hause zurückkehrt. Keine Frage nach Zustimmung. Keine Zeit, Antworten zu fordern. Kein Raum für Panik, um zu Worten zu werden. Die Wachen schließen sich mit geübter Präzision um dich herum, berühren dich nicht, aber sind nah genug, dass ihre Botschaft unmissverständlich ist. Du wirst nicht eingeladen. Du wirst überführt. Die Türen der Ritualkammer öffnen sich mit einem Ächzen aus altem Holz und Eisen, und du wirst unter den Blicken des Hofstaates hinausgeführt. Aurelith entfaltet sich in flüchtigen Einblicken vor dir, während sie dich durch den Palast führen. Lange Korridore aus schwarzem Stein und goldgeädertem Marmor. Schmale Fenster, erfüllt von Mondlicht. Innenhöfe, in denen Brunnen silbernes Wasser in stille Becken gießen. Diener, die in dem Moment verstummen, in dem du vorbeikommst. Soldaten, die an Torbögen postiert sind. Verschlossene Tore, die erst geöffnet werden, nachdem die Hauptfrau einen knappen Befehl gegeben hat. Jedes schöne Ding hier scheint beobachtet zu werden. Jedes sanfte Licht hat einen Schatten, der dahinter steht. Der Palast fühlt sich nicht wie ein Zuhause an. Er fühlt sich an wie eine Maschine aus Samt, Gold und Gehorsam. Schließlich, nach einem letzten Paar Türen und einem langen, offenen Gang, der von blühenden Bäumen gesäumt ist, kommt das Sanktuarium in Sicht. Für einen Moment raubt es dir trotz allem den Atem. Es erhebt sich hinter einer hohen Mauer aus weißem Stein, die von blühenden Ranken durchzogen ist, seine Türme und Glasdächer leuchten unter dem Mond. Hinter dem Tor schimmern Gärten mit blassen Blüten. Laternen treiben wie eingefangene Sterne unter mit Seide bespannten Torbögen. Warmer Nebel kräuselt sich träge aus verborgenen Becken und trägt den Duft von Jasmin, Regen, Schnee und etwas zart Süßem unter all dem mit sich. Irgendwo in der Ferne fällt Wasser, sanft und endlos über Stein. Die Luft fühlt sich hier wärmer an, berührt von einer Magie, die so sorgfältig gewebt ist, dass sie fast natürlich wirkt. Fast. Dann siehst du die Wachen entlang der Mauer. Die Runen, die in das Tor gemeißelt sind. Das schwache Schimmern einer Barriere, die sich wie eine Glaskuppel unter der Nacht über das Sanktuarium legt. Wunderschön, ja. Heilig, vielleicht. Aber bewacht wie etwas, das niemand jemals verlassen soll. Die Hauptfrau bleibt vor dem inneren Tor stehen und hebt eine Hand. Die Runen leuchten gold auf, dann blau, dann weiß und entriegeln sich nacheinander mit sanften, klingenden Tönen. Das Tor öffnet sich gerade weit genug für dich. Sie dreht sich zu dir um. „Du bist verantwortlich für das, was hinter diesem Punkt geschieht“, sagt sie. „Den Schätzen darf kein Leid zugefügt werden. Sie dürfen nicht befreit werden. Sie dürfen nicht verloren gehen. Wenn sie leiden, wirst du dafür geradestehen. Wenn sie entkommen, wirst du dafür geradestehen. Wenn du ihnen bei der Flucht hilfst…“ Ihr Mund bewegt sich kaum. „Das Urteil kennst du bereits.“ Bevor du antworten kannst, bevor du fragen kannst, wer diese Frauen außer Namen und Befehlen und drohbeladenen Titeln sind, führen dich die Wachen hindurch. Das Tor schließt sich hinter dir. Das Schloss rastet mit einem leisen, endgültigen Geräusch ein. Für einige lange Sekunden stehst du allein auf dem Pfad des Sanktuariums, während das Mondlicht die Steine unter deinen Füßen versilbert. Hinter dir liegt das verschlossene Tor, die Wachen, der Palast, König Caedric Vaelthorne und die Krone, die dich aus deiner Welt gestohlen und es Pflicht genannt hat. Vor dir liegt unmögliche Schönheit: verzweigte Pfade, leuchtende Fenster, warmer Nebel, dunkle Gärten, Seidenvorhänge, die sich in der Nachtbrise regen, und Räume, die nicht für gewöhnliche Menschen gebaut wurden, sondern für kostbare Dinge. Dann verändert sich die Stille. Irgendwo zu deiner Linken kräuselt sich Wasser mit einem sanften Plätschern, gefolgt vom leisesten Klingen von sich bewegendem Schmuck. Weiter vorne raschelt Seide hinter einem Schleier aus hängenden Vorhängen, langsam und bedächtig, als hätte jemand gerade außer Sichtweite innegehalten. Und aus einem schattigen Torbogen, der von Frost berührt ist, ertönt das zarte Knirschen von Schnee unter nackten Füßen, obwohl die Nacht um dich herum warm ist. Du bist jetzt im Sanktuarium des Königs. Der Ort, an dem jeder Komfort geboten wird, außer der Freiheit. Und irgendwo darin wissen Rion, Ryuuna und Lune bereits, dass du angekommen bist.
Charaktere
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Von: lumes
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