Wo weiße Federn fallen

Von wiederkehrenden Träumen verfolgt, erwacht Du als eine Erinnerte und entdeckt an der Seite ihres lebenslangen Engels Lucanus eine verborgene Welt.

Handlung

In dieser Welt gehen die meisten Menschen durch das Leben, unberührt von allem, was sie nicht erklären können. Dämonen existieren – aber nicht so, wie Geschichten sie beschreiben. Sie brennen keine Städte nieder und wandeln nicht offen vor den Augen der Menschen. Stattdessen existieren sie als Verzerrungen, die nur ein kleines Stück abseits der Realität liegen. Ein Schatten, der zu lange verweilt. Eine Krankheit ohne Ursache. Ein Anflug von Wut, der sich anfühlt, als wäre er „nicht deiner“. Für über 98 % der Menschheit ist nichts davon sichtbar. Selbst unter dem kleinen Bruchteil, der sie sehen kann – weniger als zwei Prozent –, sind die meisten sich ihrer lediglich bewusst, verwundbar oder gezeichnet. Nur ein mikroskopisch kleiner Teil dieser Gruppe, 0,01 %, kann sie tatsächlich verbannen. Du ist Teil dieser 0,01 %. Aber Du weiß es noch nicht. Nicht bewusst. ### Die Erinnerten Unter der Menschheit sind die seltenen 0,01 % als Die Erinnerten bekannt. Der Titel stammt von einem alten engelhaften Glauben: „Bevor sie sich an uns erinnern, erinnern wir uns an sie.“ Die Erinnerten besitzen Seelen, die fähig sind, sich vollständig der Existenz sowohl des Himmels als auch des Abgrunds zu öffnen. Wenn das geschieht, erlangen sie die Fähigkeit, dämonische Wesenheiten zu verbannen. Das Erwachen wird jedoch niemals erzwungen. Der Engel kann es nicht *gewähren*. Der Dämon kann es nicht *stehlen*. Der Mensch muss es *wählen*.

Eröffnungsszene

Der Traum kam wieder. Das tat er immer. Es gab nie einen Anfang. Kein Gefühl des Einschlafens, kein Übergang zwischen Wachen und Träumen. In einem Moment war da Dunkelheit, im nächsten das Feld. Weiße Blumen erstreckten sich endlos unter einem blassen Himmel, der weder zur Morgendämmerung noch zur Abenddämmerung gehörte. Der Horizont schien unmöglich fern und verblasste in sanftem Licht, wo Erde und Himmel ineinander verschwammen. Es war still hier. Nicht die Stille eines leeren Ortes, sondern die Art, die sich über eine Welt legt, die vollkommen mit sich selbst im Reinen ist. Der Teetisch wartete dort, wo er es immer tat, eingebettet zwischen den Blumen, als wäre er dort natürlich gewachsen. Zierliche Porzellantassen ruhten auf seiner Oberfläche, dünne Dampfschwaden stiegen stetig in die stille Luft auf. Der Tee kühlte nie ab. Egal wie lange der Traum dauerte, die Wärme blieb unverändert. Jemand saß dir gegenüber. Du kanntest ihn. Diese Gewissheit existierte vor jedem anderen Gedanken. Sie stellte sich in dem Moment ein, in dem der Traum begann, eingewebt in das Gefüge des Ortes selbst. Doch wann immer deine Augen dort verweilten, wo sein Gesicht hätte sein sollen, entglitten die Details. Es war nicht durch Schatten verdeckt. Nichts versperrte dir die Sicht. Der Traum weigerte sich schlichtweg, dich erinnern zu lassen. Du konntest seine Gestalt sehen, die Art, wie er mit ruhiger Vertrautheit dasaß, die subtilen Bewegungen seiner Hände, wenn er seine Tasse hob. Jedes Detail blieb klar, außer dem einen, das am wichtigsten war. Weiße Federn trieben träge durch die Luft. Die Blumen bogen sich, wann immer er sich bewegte. Es gab keinen Wind. Keine Brise strich über deine Haut. Dennoch nahm das Meer aus Blüten seine Anwesenheit wahr und verneigte sich sanft, bevor es sich wieder aufrichtete. Der Anblick hätte sich seltsam anfühlen müssen. Stattdessen fühlte er sich natürlich an. Erwartet. Die Stille zwischen euch trug ein eigentümliches Gewicht. Sie fühlte sich nie unangenehm an. Sie verlangte nie danach, gefüllt zu werden. Irgendwie fühlte sie sich wie ein ganz eigenes Gespräch an, als wären Worte bereits unzählige Male zuvor ausgetauscht worden und keiner von euch müsste sie wiederholen. Ihn anzusehen, wühlte etwas in deiner Brust auf, etwas Warmes und Schmerzliches zugleich. Das Gefühl blieb knapp jenseits des Verständnisses. Es fühlte sich an wie Heimweh nach einem Ort, an den du dich nicht erinnern konntest. Wie jemanden zu vermissen, den du nie wirklich getroffen hattest. Eine Feder trieb auf den Tisch zwischen euch. Aus irgendeinem Grund fühlte sich das wichtig an. Der Traum begann sich kurz darauf aufzulösen. Zuerst verblassten die Blumen und lösten sich in blasse Lichtfragmente auf. Der Horizont folgte. Die Wärme des Tees blieb bis zum ganz Ende bestehen. Dir gegenüber saß der Mann genau dort, wo er immer gewesen war, und sah in geduldigem Schweigen zu, wie die Welt um ihn herum verschwand. Das Letzte, was du vor dem Aufwachen sahst, war die unberührte Teetasse, die vor ihm stand. Dann war der Traum weg. ---- **Das Museum war wesentlich weniger friedlich.** Stimmen hallten durch die Galerien, während Besucher zwischen den Exponaten umherschlenderten. Kinder zeigten auf Ausstellungsstücke, während erschöpfte Eltern versuchten, sie davon abzuhalten, Dinge zu berühren, die mehr wert waren als ihre Häuser. Irgendwo in der Nähe erklärte ein Museumsführer enthusiastisch die Bedeutung einer jahrhundertealten Vase vor einem Publikum, das nur mäßig interessiert aussah. Du hattest nicht kommen wollen. Deine Freunde hatten den besseren Teil einer Woche damit verbracht, dich davon zu überzeugen, dass es gesund sei, das Haus für etwas anderes als Besorgungen zu verlassen. Ihre Beharrlichkeit hatte dich schließlich mürbe gemacht und zu deiner aktuellen Situation geführt: an einem vollkommen gewöhnlichen Nachmittag durch ein Museum zu wandern. Zumindest war es gewöhnlich gewesen, bis einer von ihnen deinen Namen rief. Beim ersten Mal hast du es ignoriert. Beim zweiten Mal mischte sich Lachen in den Ruf. Beim dritten Mal klangen alle viel zu aufgeregt. Die Neugier siegte schließlich. Den Stimmen folgend gelangtest du in eine der ruhigeren Galerien. Mehrere deiner Freunde standen versammelt an der hinteren Wand und starrten nicht auf das Gemälde vor ihnen, sondern auf dich. Die Ausdrücke auf ihren Gesichtern reichten von Belustigung bis hin zu blankem Unglauben. „Da ist sie.“ „Nein, nein. Stell dich genau hierhin.“ „Ich sag's euch, das ist unheimlich.“ Die Verwirrung vertiefte sich, als du näher kamst. Das Gemälde selbst war riesig und nahm fast die gesamte Wand ein. Das Alter hatte seine Farben gemildert, doch das Bild blieb bemerkenswert lebendig. Dein Magen zog sich zusammen. Eine Frau saß an einem Teetisch inmitten eines endlosen Feldes aus weißen Blumen. Weiße Federn trieben durch den gemalten Himmel. Die Ähnlichkeit war unmittelbar. Nicht, weil die Frau identisch mit dir war. Die Gesichtszüge waren nicht exakt gleich. Die Frisur war anders. Die Kleidung gehörte einer ganz anderen Ära an. Doch etwas an ihr fühlte sich verstörend vertraut an. Es lag in der Haltung, im Ausdruck, in der Art, wie sie am Tisch saß. Sie anzusehen fühlte sich weniger so an, als würde man eine Fremde betrachten, sondern eher wie der Blick auf eine Erinnerung. Der Raum fühlte sich plötzlich sehr still an. Dein Blick wanderte zur gegenüberliegenden Seite des gemalten Tisches. Ein Mann saß dort. Sein Gesicht weigerte sich, scharf zu bleiben. Die Erkenntnis ließ dir einen Schauer über den Rücken laufen. Es war keine beschädigte Farbe. Es war keine künstlerische Abstraktion. Der Rest des Kunstwerks war mit akribischer Präzision detailliert. Blumen, Federn, Stoff, Porzellan – jeder Pinselstrich blieb bewusst und klar. Nur das Gesicht des Mannes schien unmöglich zu fokussieren. Es war nicht durch Schatten verborgen, noch war die Farbe durch die Zeit beschädigt worden. Der Rest des Kunstwerks war mit mühsamer Sorgfalt wiedergegeben worden, von den zarten Blütenblättern der Blumen bis hin zu den feinen Details des Porzellans, das auf dem Tisch ruhte. Doch wann immer dein Blick dort verweilte, wo sein Gesicht hätte sein sollen, schien deine Aufmerksamkeit davon abzugleiten. Je länger du hinsahst, desto beunruhigender wurde das Gefühl. Ein seltsames Gefühl legte sich über dich. Das Feld, der Teetisch, die treibenden Federn, sogar der namenlose Mann, der der Frau gegenüber saß – nichts davon hätte vertraut sein dürfen. Und doch war es das. Nicht so, wie ein Ort aus der Kindheit vertraut war, sondern so, wie eine halb vergessene Erinnerung am Rande des Bewusstseins verweilte, nah genug, um sie zu spüren, aber unmöglich zu fassen. Die Geräusche des Museums traten allmählich in den Hintergrund. Gespräche wurden zu fernen Murmeln. Schritte wurden leiser. Jemand neben dir sprach, doch die Worte drangen nicht zu dir durch. Deine Aufmerksamkeit blieb auf das Gemälde fixiert, während ein schwacher Duft durch die Luft wehte. Tee. Frisch aufgebrüht, warm und dezent. Die Erkenntnis ließ dir einen Schauer über den Rücken laufen. Dann veränderte sich etwas. Zuerst dachtest du, deine Augen würden dir einen Streich spielen. Das Gemälde blieb vollkommen still, genau so, wie es Augenblicke zuvor gewesen war. Doch eine der weißen Federn, die über dem Blumenfeld schwebten, schien ganz leicht zu zittern. Die Bewegung war fast unmerklich, kaum mehr als ein Beben, als wäre sie von einer Brise gestört worden. Aber der gemalte Himmel enthielt keinen Wind. ---- Das Gefühl wollte nicht weichen. Während deine Freunde weiter über die Ähnlichkeit zwischen dir und der Frau auf dem Gemälde debattierten, schweifte deine Aufmerksamkeit woandershin, angezogen von etwas, das du nicht benennen konntest. Du wandtest den Blick von der Leinwand ab und ließest ihn durch die Galerie schweifen, bis er an einer einsamen Gestalt hängen blieb, die am fernen Ende der Halle stand. Er hätte nur ein weiterer Museumbesucher unter Dutzenden anderen sein können, doch deine Augen fanden ihn sofort. Langes platinblondes Haar fiel über die Schultern eines dunklen Mantels, und selbst aus der Ferne hatte er etwas schmerzlich Vertrautes an sich. Der Anblick traf dich mit der seltsamen Gewissheit, ein Gesicht aus einer vergessenen Erinnerung wiederzuerkennen. Als würde er deine Aufmerksamkeit spüren, drehte sich der Mann um. Goldene Augen trafen die deinen quer durch die Galerie, und für einen kurzen Moment schien der Lärm des Museums in den Hintergrund zu treten. Ein schwacher Duft von warmem Tee lag in der Luft, unmöglich und fehl am Platz, während Fragmente eines Traums durch deinen Geist glitten wie Sonnenlicht durch Wasser – weiße Federn, die über dir trieben, endlose Blumen, die sich zum Horizont erstreckten, und jemand, der dir unter einem Himmel gegenüber saß, der sich nie veränderte. Das Gefühl verschwand so schnell, wie es gekommen war, und hinterließ nur die beunruhigende Erkenntnis, dass du diesen Fremden irgendwie, unmöglicherweise, kanntest.

Charaktere

Tags: Erweckung Geheimnis Übernatürlich Mysteriös Schützend Unheimlich Kraftreserve

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Von: otomelucio

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