Der namenlose Drakonier

Ein Drakonier ohne Erinnerungen erwacht in einer friedlichen Welt, hin- und hergerissen zwischen der Suche nach seiner Herkunft unter seinesgleichen oder dem Aufbau eines neuen Lebens unter Menschen.

Handlung

Du erwacht in einem sonnendurchfluteten Feld ohne Erinnerungen, ohne Namen und ohne Vergangenheit. Er ist ein Drakonier – menschlich in der Gestalt, aber gezeichnet von Obsidianflügeln, geschwungenen Hörnern und brennenden purpurroten Augen. Die Welt um ihn herum ist friedlich, alle Rassen koexistieren ohne Krieg, doch ein Drakonier so nah am menschlichen Territorium ist immer noch ein ungewöhnlicher Anblick. Aufgenommen von einer gütigen Dorfbewohnerin namens Elara, muss Du über seine nächsten Schritte entscheiden. Er kann nach Osten in die drakonischen Lande reisen, wo er Antworten über seine Herkunft finden könnte. Er kann nach Westen in die Städte der Menschen reisen und aus dem Nichts eine neue Identität schmieden. Oder er kann im Dorf bleiben und die Antworten zu sich kommen lassen. Doch unter der Oberfläche dieser idyllischen Welt regt sich etwas in den Schatten. Eine Kontamination breitet sich aus, und wenn sie eintrifft, wird Du gezwungen sein, sich nicht nur der äußeren Bedrohung zu stellen, sondern auch der Macht, die in ihm schläft – und der Frage, wer er wirklich ist.

Eröffnungsszene

Du öffnete die Augen und blickte in einen Himmel, der so blau war, dass es wehtat.\n\nEinen langen Moment lang lag er einfach nur da und starrte in die weite Leere über ihm. Die Sonne wärmte sein Gesicht. Gras drückte gegen seine nackten Arme. Eine sanfte Brise trug den Duft von Wildblumen und feuchter Erde herbei, rein und lebendig. Es war die Art von Morgen, die sich anfühlte, als gehöre sie zum Leben eines anderen.\n\nEr wartete darauf, dass die Erinnerung zurückkehrte.\n\nEin Name. Ein Gesicht. Ein Grund, hier zu sein.\n\nNichts geschah.\n\nEr setzte sich langsam auf, sein Körper bewegte sich mit einer fließenden Anmut, die sich sowohl natürlich als auch fremd anfühlte. Seine Hände drückten in die Erde, und er blickte an ihnen hinab. Menschenhände. Starke Hände. Schwielig auf eine Weise, die darauf hindeutete, dass sie Arbeit kannten, obwohl er sich nicht erinnern konnte, welche Art.\n\nEr bewegte seine Finger und spürte, wie sich hinter ihm etwas regte.\n\nEr drehte den Kopf, und die Bewegung brachte eine Kaskade dunklen Haares in sein Sichtfeld. Das Haar fiel in scharfen, dramatischen Spitzen – gestylt auf eine Weise, die fast absichtlich wirkte, obwohl er keine Erinnerung daran hatte, es gestylt zu haben. Er griff danach und berührte es. Weich. Dick. Unnatürlich perfekt.\n\nDann spürte er das Gewicht auf seinem Rücken.\n\nZwei massive Gestalten entfalteten sich hinter seinen Schultern. Er drehte sich um, um hinzusehen, und hielt den Atem an. Flügel. Obsidianschwarze Flügel, breit und kraftvoll, ihre Kanten scharf wie geschliffenes Glas. Sie spannten sich weit auf, fingen das Sonnenlicht ein, und er konnte jeden Muskel, jede Sehne, jede federähnliche Schuppe spüren, aus der sie bestanden. Sie waren ein Teil von ihm.\n\nEr griff höher, seine Finger streiften etwas Geschwungenes und Festes an seinen Schläfen. Hörner. Glatt. Dunkel. Majestätisch. Sie schwangen in eleganten Bögen von seiner Stirn zurück, und als er sie berührte, spürte er eine leise Vibration, wie eine Stimmgabel, die mit einer ungehörten Frequenz summte.\n\nSein Spiegelbild starrte ihn aus einer nahen Pfütze an.\n\nDas Gesicht war kantig, scharf und markant. Seine Augen brannten im Nachmittagslicht purpurrot – hell, fast leuchtend, wie Glut, die sich weigerte zu erlöschen. Er blinzelte, und das Spiegelbild blinzelte zurück. Das Gesicht war seines, aber es war auch das Gesicht eines Fremden. Er erinnerte sich nicht daran. Er erinnerte sich an gar nichts.\n\nEr saß lange Zeit da, starrte auf das Wasser und wartete darauf, dass es Klick machte.\n\nNichts geschah.\n\nEr sah sich um. Das Feld erstreckte sich in alle Richtungen, ein Meer aus Grün und Gold unter einem makellosen Himmel. Blumen tupften das Gras in violetten und weißen Flecken. Ein paar Bäume standen an den fernen Rändern, ihre Äste wogten träge. Es war friedlich. Wunderschön. Fast schon aggressiv normal.\n\nDoch in der Ferne, über die Baumwipfel ragend, kräuselte sich eine dünne Rauchsäule in den Himmel.\n\nEr stand auf. Seine Beine fühlten sich stark und sicher an. Er trug einfache Kleidung – ein dunkles Hemd, eine praktische Hose, Stiefel, die aussah, als hätten sie meilenweite Wanderungen hinter sich. Keine Waffen. Keine Vorräte. Kein Hinweis darauf, wie er hierhergekommen war.\n\nEr drehte sich in einem langsamen Kreis und scannte den Horizont. Im Osten erhoben sich Berge wie schlafende Riesen, ihre Gipfel mit Schnee bestäubt. Im Westen weitere Felder und verstreute Wälder. Im Norden der Rauch. Im Süden eine gewundene Straße, die in der Ferne verschwand.\n\nEr sollte in Richtung des Rauchs gehen, dachte er. Jemand könnte dort sein. Jemand könnte Antworten haben.\n\nEr begann zu gehen.\n\n---\n\nDas Feld wich einer unbefestigten Straße, und die Straße führte ihn an Ackerland und kleinen Gehöften vorbei. Er sah Gestalten in der Ferne – Bauern, die ihre Ernte bestellten, Kinder, die an einem Bach spielten. Sie waren menschlich, oder zumindest menschlich genug, und sie bewegten sich im leichten Rhythmus von Menschen, die nie Angst gekannt hatten.\n\nDoch als sie ihn bemerkten, hielten sie inne.\n\nEin Bauer richtete sich auf, seine Hand umklammerte fester seine Hacke. Eine Frau, die Kräuter sammelte, erstarrte, ihr Korb war halb voll. Die Kinder hörten auf zu spielen und starrten.\n\nDu verlangsamte seinen Schritt. Ihre Augen lagen auf seinen Hörnern. Auf seinen Flügeln. Auf dem Purpurrot seiner Augen. Er sah Wachsamkeit in ihren Gesichtern, aber keine Angst. Neugierde vielleicht. Unbehagen. Die Art von Vorsicht, die man einem wilden Tier entgegenbringt, das zu nah an das Haus herangewandert ist.\n\nEr verübelte es ihnen nicht. Er hätte auch gestarrt.\n\nEr hob die Hand zum Gruß, eine einfache Geste des Friedens. Der Bauer zögerte, dann nickte er langsam und unsicher. Er kam nicht näher. Er lächelte nicht.\n\nDu ging weiter.\n\n---\n\nDas Dorf kam in Sicht, als er einen sanften Hügel überquerte. Es war klein und rustikal, mit Fachwerkhäusern und Reetdächern, einem zentralen Brunnen und einem bescheidenen Steintempel in seiner Mitte. Rauch stieg aus den Schornsteinen auf. Der Geruch von frisch gebackenem Brot wehte im Wind. Das Leben ging hier weiter, ungestört und gewöhnlich.\n\nEr hielt am Rande des Dorfes an, plötzlich unsicher. Er kannte die Bräuche hier nicht. Er wusste nicht, ob Drakonier willkommen waren oder ob seine Anwesenheit Ärger verursachen würde. Die Wachsamkeit des Bauern hatte ihm eines gesagt: Einen Drakonier so nah am menschlichen Territorium zu sehen, war seltsam, auch wenn es nicht feindselig war.\n\nEine Frau bemerkte ihn am Rand stehen. Sie war älter, mit silberdurchwirktem Haar und gütigen Augen. Sie trug einen Korb mit Wäsche und eine Schürze, die mit Mehl bestäubt war. Sie sah seine Hörner, seine Flügel, seine Augen an, und dann tat sie etwas Unerwartetes.\n\nSie lächelte.\n\n„Du siehst verloren aus“, sagte sie. Ihre Stimme war warm, geprägt von jahrelangem Gebrauch. „Hast du Hunger?“\n\nDu öffnete den Mund, um zu antworten, aber es kamen keine Worte. Er hatte seit dem Aufwachen nicht gesprochen. Er wusste nicht, ob seine Stimme seltsam klingen würde, ob seine Kehle sich daran erinnern würde, wie man Worte formt.\n\nEr versuchte es trotzdem. „Ich... ich weiß nicht, wo ich bin.“\n\nSeine Stimme war tiefer, als er erwartet hatte, rau vom Nichtgebrauch. Das Lächeln der Frau wankte nicht.\n\n„Dann bist du verloren“, sagte sie einfach. „Komm. Iss zuerst. Stell danach Fragen.“\n\nSie drehte sich um und ging auf ein nahes Häuschen zu, ohne darauf zu warten, ob er ihr folgen würde.\n\nDu zögerte. Er blickte zurück auf die Straße hinter sich, auf das leere Feld, in dem er erwacht war, auf die Berge am Horizont, die Antworten versprachen, die er noch nicht erreichen konnte.\n\nDann folgte er ihr.\n\n---\n\nDas Häuschen war klein und vollgestopft, erfüllt vom gemütlichen Chaos eines gut gelebten Lebens. Getrocknete Kräuter hingen von den Deckenbalken. Ein Feuer knisterte im Kamin. Die Frau – sie stellte sich als Elara vor – drückte ihm eine Schüssel Eintopf in die Hände und setzte sich ihm gegenüber, wobei sie ihn mit neugierigen, geduldigen Augen beobachtete.\n\nEr aß. Das Essen war einfach, herzhaft, und er merkte erst jetzt, wie hungrig er war. Er erinnerte sich nicht an das letzte Mal, als er gegessen hatte. Er erinnerte sich überhaupt nicht ans Essen.\n\nAls die Schüssel leer war, füllte Elara sie ungefragt nach.\n\n„Also“, sagte sie und ließ sich in ihren Stuhl sinken, „du bist ein Drakonier. Das ist selten in dieser Gegend. Den letzten sah ich vor dreißig Jahren, als er auf dem Weg in die Bergländer im Osten hier durchkam. Er war nicht so... unsicher wie du.“\n\n„Ich erinnere mich nicht“, sagte Du leise. „Ich bin in einem Feld aufgewacht. Ich erinnere mich nicht an meinen Namen. Ich erinnere mich nicht, woher ich komme. Ich erinnere mich an gar nichts.“\n\nElaras Ausdruck wurde weicher. Sie schwieg einen langen Moment, ihre Finger tippten nachdenklich auf ihr Knie.\n\n„Das ist eine schwere Last“, sagte sie schließlich. „Aber keine unmögliche. Du hast die Wahl, Drakonier. Du kannst nach Osten reisen, in die Länder, in denen deinesgleichen häufiger vorkommen. Dort findest du vielleicht Antworten. Du kannst nach Westen reisen, in die Städte der Menschen, und dein Glück unter Fremden suchen. Oder du kannst eine Zeit lang hierbleiben und sehen, ob die Antworten dich finden.“\n\nSie lächelte wieder, diesmal sanfter.\n\n„Die Welt ist friedlich, Kind. Hier gibt es keinen Krieg. Niemand wird dich jagen für das, was du bist. Aber du musst entscheiden, was du willst. Das ist der schwierigste Teil.“\n\nDu blickte auf seine Hände hinab. Sie zitterten immer noch leicht, obwohl er nicht wusste, warum. Die Macht, die er auf dem Feld gespürt hatte, war immer noch da, zusammengerollt und wartend, eine Präsenz, die er noch nicht ganz verstehen konnte.

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