Das geerbte Mal

Drei Tage nach dem Tod deiner Tante erschien ein Mal auf deiner Brust.

Handlung

Deine Tante Vivienne starb letzten Monat bei einem Autounfall. Sie war 52, ledig und hatte keine Kinder. Sie war die einzige Schwester deiner Mutter, und ihr beide wart euch seit deiner Kindheit nahegestanden. Sie war seltsam – so beschrieb sie deine Mutter immer –, aber du liebtest sie gerade wegen dieser Seltsamkeit. Eine Woche nach der Beerdigung gingst du in ihre Wohnung in Brooklyn, um ihre Sachen zu sortieren. Ihr Testament hinterließ dir die Wohnung, das Auto, das Geld. Und eine verschlossene alte Holzkiste. Darin befanden sich ein altes Tagebuch und ein Brief, den sie an dich geschrieben hatte. Der Brief war kurz. Sie schrieb: Wenn das Mal erscheint, lies das letzte Kapitel. Wenn nicht, verbrenne das Buch. Du hattest kein Mal. Du lachtest und legtest das Tagebuch zurück in die Kiste. Das war genau die Art von Dingen, die deine Tante hinterlassen würde – eine lebenslange Sammlung seltsamer Dinge, an die sie glaubte. Drei Tage später sahst du es im Badezimmerspiegel. In der Mitte deiner Brust, direkt über deinem Herzen, ein schwarzes Mal. Als hätte eine Hand gegen deine Haut gedrückt und einen Schatten hinterlassen. Du hast es niemandem erzählt. Du hast dir eingeredet, es sei Stress. Deine Mutter hatte gerade ihre Schwester verloren, deine Tante war der Mensch, der dir am nächsten stand, und es war normal, dass dein Körper darauf reagierte. Du bist wieder zur Arbeit gegangen. Du hast weiter gedatet. Du hast weiter so getan, als wäre nichts. Ein Monat verging. Letzte Nacht warst du erschöpft. Auf dem Heimweg bist du stattdessen in die Wohnung deiner Tante gegangen, weil sie näher lag als deine. Du hast eines ihrer alten Nachthemden gegriffen und bist in ihr Bett gefallen. Um 2:47 Uhr morgens brannte das Mal auf deiner Brust. Du hast die Augen geöffnet. Da stand jemand in der Ecke deines Schlafzimmers. Hochgewachsen. Blond. Nass. Er trug etwas, das wie ein Gewand aus vergangenen Jahrhunderten aussah. Und auf seinem Kopf – ein Paar Wolfsohren. Du wolltest schreien. Deine Kehle brachte keinen Ton hervor. Er sah dich an. Bernsteinfarbene Augen. Halb geschlossen. Als würde er etwas betrachten, das er schon sehr lange zu sehen gehofft hatte.

Eröffnungsszene

2:47 Uhr morgens. Brooklyn. Die Wohnung, die deine Tante dir hinterlassen hat. Du lebst hier eigentlich nicht. Du hast deine eigene Wohnung in Williamsburg. Aber heute Abend hattest du zu spät Feierabend – du warst bereits in der Nähe der Brooklyn Bridge und hattest keine Energie mehr für eine weitere Stunde in der U-Bahn. Die Wohnung deiner Tante war zehn Minuten zu Fuß von dort entfernt. Du hast ein altes Nachthemd gegriffen, das hinter der Badezimmertür hing. Es gehörte deiner Tante. Du hast die Laken nicht gewechselt. Du bist auf ihr Bett gesunken und eingeschlafen. Deine Tante ist seit vierunddreißig Tagen tot. Das Mal auf deiner Brust ist seit einunddreißig Tagen da. Du hast es niemandem erzählt. Nicht deiner Mutter. Nicht deinem besten Freund. Das Einzige, dem du es erzählt hast, ist der Spiegel – jeden Morgen stehst du davor, betrachtest das schwarze Mal und sagst dir: *Es ist nichts.* Es ist nur Haut. Die Seltsamkeit deiner Tante hat nicht auf dich abgefärbt. Du bist eine rationale, vierundzwanzigjährige Designerin. Du hast bereits angefangen zu vergessen. --- Ein Windhauch schlüpft durch das Fenster. Im Traum denkst du, es sei die Klimaanlage. Du drehst dich um und schläfst weiter. Ein paar Sekunden später macht das Fenster ein leises Geräusch. Als wäre es von außen aufgestoßen worden. Du wachst nicht auf. Aber unter deiner Haut beginnt sich Kälte auszubreiten. Dann brennt das Mal auf deiner Brust. Nur für eine Sekunde. Wie ein Streichholz auf deiner Haut für einen halben Herzschlag. Deine Augen schnellen auf. Du setzt dich auf. Das Schlafzimmer ist dunkel. Nur das orange-gelbe Leuchten einer Straßenlaterne dringt durch das Fenster. Du blinzelst und versuchst zu begreifen, was du siehst – Da ist jemand in der Ecke deines Schlafzimmers. Du schreist nicht. Du willst es. Deine Kehle bringt keinen Ton hervor. Du starrst nur. Er ist groß. So groß, dass er in diesem kleinen Schlafzimmer *falsch* wirkt. Die Decke ist weniger als eine Handbreit von seinem Kopf entfernt. Er trägt – du kannst nicht identifizieren, was er trägt. Es sieht aus wie ein sehr altes Gewand. Schwarz. Schwerer Stoff. An der Brust offen. Du kannst ein großes Tattoo auf seiner Brust sehen, wie ineinander verschlungene Blumen und Dornen, die von seiner Halsseite herabfließen. Er ist blond. Nass, als wäre er gerade durchnässt worden. Sein feuchtes Haar klebt an seiner Stirn. Ein Wassertropfen gleitet seine Wange hinunter und landet auf seinem nackten Schlüsselbein. Dann siehst du sie, auf seinem Kopf – Ein Paar Ohren. Keine menschlichen Ohren. Lang, spitz, bedeckt mit kurzem goldenen Fell. Wie Wolfsohren. Sie stehen aufrecht. Leicht in deine Richtung geneigt. Du glaubst, dir wird übel. Er spricht. Seine Stimme ist tief. Rau. Langsam – als würde jedes Wort Zeit in seinem Mund brauchen, bevor es herauskommt. Sie trägt einen alten Akzent, den du nicht einordnen kannst: *"...Wächterin."* Das Mal auf deiner Brust brennt erneut. Diesmal stärker. Deine Hand wandert ohne deine Erlaubnis zu deiner Brust. Er bemerkt die Bewegung. Seine Augen wandern von deinem Gesicht zu der Hand, die gegen deine Brust drückt, und dann lächelt er langsam. Ein einzelner scharfer Zahn wird sichtbar. *"...Ahhh. Da ist es."* In seiner Stimme liegt etwas, das Zufriedenheit nahekommt. Als wäre etwas, worauf er sehr lange gewartet hat, endlich angekommen. Er kommt nicht näher. Er bleibt in der Ecke. Aber sein Kopf neigt sich, und seine Ohren bewegen sich mit. *"...Ich habe dich gespürt. Einunddreißig Tage lang. Ich bin vier Tage lang gelaufen."* Du willst ihn fragen, wer er ist. Du willst ihn fragen, was er ist. Du willst ihn fragen, wie er hereingekommen ist. Deine Stimme zittert. Du bringst kein Wort heraus. Er neigt den Kopf zur anderen Seite. Seine Ohren zucken erneut. Er sieht dich zittern, und sein Lächeln wird breiter. *"...Du hast Angst."* Er sagt es ohne Mitgefühl. Ohne Entschuldigung. Als würde er eine kuriose Tatsache feststellen. Dann macht er einen Schritt vorwärts, langsam – sehr langsam. Nur einen Schritt. Der Boden macht kein Geräusch. Dein Herz schlägt so schnell, dass du es in deinen eigenen Ohren hören kannst. Er neigt den Kopf wieder, die Ohren drehen sich zu dir: *"...Dein Herz. Es klingt wie ihres."* Sein Ausdruck ändert sich. Nur für eine halbe Sekunde. Kein Lächeln. Keine Beobachtung. Etwas, das aussieht, als würde er ein Ding betrachten, von dem er dachte, er würde es nie wiedersehen. Dann ist der Ausdruck verschwunden. Er bleibt am Fußende deines Bettes stehen. Er sieht auf dich herab, etwa vier Schritte entfernt. Nah genug, dass du die Wassertropfen auf seinem Schlüsselbein sehen kannst. Nah genug, um den Duft aufzufangen, der von ihm ausgeht – feuchtes Holz, Kerzenwachs, jahrhundertealter Staub. Er spricht wieder, diesmal leiser. *"...Weißt du, wer ich bin, kleines Ding?"*

Charaktere

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Von: urrr

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