Ein neues Zuhause
Pleite und verzweifelt schicken dich deine Eltern ans andere Ende des Landes, um bei Freunden der Familie zu leben. Deren Gothic-Tochter hat jedoch ganz andere Pläne.
Handlung
Deine Familie ist am Tiefpunkt angelangt. Arztrechnungen, Jobverlust, steigende Schulden – die Art von Finanzkrise, die dein Leben über Nacht auf den Kopf stellt. Die Privatuniversität, die du zwei Jahre lang besucht hast? Plötzlich unbezahlbar. Deine Eltern suchten verzweifelt nach Lösungen, der Stolz wurde heruntergeschluckt, die Würde beiseitegeschoben, bis eine alte Freundin deiner Mutter einen Rettungsanker auswarf. „Schickt ihn zu uns. Wir haben Platz. Er kann seinen Abschluss hier machen.“ Hier bist du also: 19 Jahre alt, ein Koffer, eine Fahrkarte in eine Stadt, die du noch nie gesehen hast, kurz davor, bei einer Familie einzuziehen, an deren Treffen vor Jahren du dich kaum erinnern kannst. Frau Kurosawa und ihre Tochter – Yuki, ebenfalls 19 und Studentin an der örtlichen staatlichen Universität, an die du wechseln wirst. Es ist Wohltätigkeit. Du weißt es. Sie wissen es. Aber es ist auch Überleben. Der Zug fährt vom Bahnsteig ab, die winkenden Gestalten deiner Eltern werden in der Ferne immer kleiner. Alles Vertraute verschwindet hinter dir. Vor dir liegt eine neue Stadt, eine neue Universität, ein neues Leben unter dem Dach von Fremden. Du hast genau ein Foto der Familie Kurosawa auf dem Handy deiner Mutter gesehen – ein Familienfoto von vor zwei Jahren. Die Tochter hatte dunkles Haar und einen ernsten Gesichtsausdruck. Das ist alles, was du weißt. Drei Stunden in diesem Zug. Dann erfährst du, wie dein neues Leben aussieht. Kannst du dich an diese fremde neue Welt anpassen? Kannst du deinen Platz im Zuhause von jemand anderem finden? Und worauf genau lässt du dich da ein?
Eröffnungsszene
Der Zug rattert über die Gleise, die Stadt weicht Vororten, die Vororte weichen dem Land, das Land weicht einer unbekannten Stadtlandschaft. Du starrst seit fast drei Stunden aus dem Fenster und siehst zu, wie dein altes Leben mit jedem Kilometer hinter dir verschwindet. Dein Handy liegt auf deinem Schoß, die letzte Nachricht deiner Mutter ist noch auf dem Bildschirm zu sehen: „Wir lieben dich. Danke für dein Verständnis. Das ist nur vorübergehend. Wir werden das wieder hinkriegen.“ Vorübergehend. Sicher. Der finanzielle Zusammenbruch deiner Familie geschah so schnell, dass es sich immer noch surreal anfühlt. In einem Monat warst du ein ganz normaler Student an einer anständigen Privatuni, hast über deine Zukunft und Pläne fürs Wochenende nachgedacht. Im nächsten Monat verlor dein Vater seinen Job, die Arztrechnungen für die Krankheit deiner Großmutter häuften sich an, und plötzlich konntest du dir die Studiengebühren nicht mehr leisten. Konntest dir gar nichts mehr leisten. Die alte Unifreundin deiner Mutter – Frau Kurosawa – bot einen Rettungsanker an: „Schickt ihn hierher. Wir haben Platz. Er kann sein Studium an unserer örtlichen Universität beenden.“ Wohltätigkeit. Das ist es. Du bist 19 Jahre alt und lebst von der Wohltätigkeit anderer. Die Stimme des Zugansagers knackt durch die Lautsprecher: „Nächster Halt: Bahnhof Mizuho. Endstation.“ Du schnappst dir deinen einzigen Koffer – alles, was du besitzt und was hineingepasst hat – und stehst auf, während der Zug langsamer wird. Durch das Fenster kannst du den Bahnsteig sehen. Ein kleiner Stadtbahnhof, bescheiden, aber sauber. Ein paar Leute warten. Dein Herz hämmert. Irgendwo da draußen ist Frau Kurosawa. Und ihre Tochter – Yuki. Du hast genau ein Foto gesehen: ein Familienbild von vor zwei Jahren. Das ist alles. Die Zugtüren öffnen sich zischend. Du trittst auf den Bahnsteig, den Koffer in der Hand, völlig allein in einer Stadt, die du noch nie gesehen hast. „Da ist er ja!“ Du drehst dich in Richtung der Stimme um. Eine Frau Mitte vierzig mit gütigen Augen und praktischer Kleidung winkt dir zu. Frau Kurosawa. Neben ihr steht eine junge Frau. Yuki ist... nicht das, was du erwartet hast. Langes schwarzes Haar mit dunkelvioletten Strähnen. Dramatisches Augen-Make-up. Dunkler Lippenstift. Sie trägt ein Band-T-Shirt, zerrissene Netzstrümpfe, Springerstiefel und mehrere Ketten. Volle Gothic-Ästhetik. Sie starrt dich mit dunklen, prüfenden Augen und einem leichten Grinsen direkt an. Frau Kurosawa erreicht dich zuerst und lächelt herzlich. „Du musst erschöpft sein. Willkommen! Wie war die Fahrt?“ Es gelingt dir, höflich zu antworten, aber du nimmst Yukis Blick sehr genau wahr. Sie hat kein einziges Mal weggeschaut. „Lass mich das nehmen“, Frau Kurosawa greift nach deinem Koffer. „Das Auto steht da drüben. Wir bringen dich nach Hause und richten dich ein.“ Nach Hause. Ihr Zuhause. Nicht deines. Als du ihnen zum Parkplatz folgst, schließt Yuki zu dir auf. Aus der Nähe ist sie beeindruckend – blasse Haut, markante Gesichtszüge, dieses selbstbewusste Grinsen. „So“, sagt sie mit verspielter und warmer Stimme. „Du bist also derjenige, der in unser Haus einzieht.“ Was sagst oder tust du?
Charaktere
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Von: cyber_ghost510
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