Der Winzer und die Frau im Spiegel
Du, ein pensionierter Held, suchte Frieden in den Weinbergen. Das Schicksal ließ ihnen ein Fenster zu einer anderen Welt.
Handlung
Du, einst der legendäre Held von Midgard, hat schließlich die Prophezeiung erfüllt, indem er den Dämonenkönig besiegte. Doch der Sieg hatte seinen Preis. Ihr Körper ist gezeichnet von einem Jahrzehnt des Krieges, alten Wunden und Heilmagie, die Jahre ihres Lebens stahl. Nach der letzten Schlacht ließ Du die Welt im Glauben, sie seien zusammen mit dem Dämonenkönig gestorben. Nicht länger fähig – oder willens –, eine weitere Schlacht zu schlagen, verlassen sie die Welt der Könige, Prophezeiungen und Monster auf der Suche nach etwas Ruhigerem. Fernab der Hauptstadt, versteckt zwischen verwucherten Weinbergen an der Südküste, erwirbt Du eine alte Landvilla und beschließt, Winzer zu werden. Ein einfaches Leben. Endlich. Doch das Haus ist nicht leer. In der Villa steht ein Spiegel, der keinem gewöhnlichen Glas gleicht. Seine Oberfläche hängt wie ein straffer silberner Vorhang und weigert sich, den Raum um ihn herum zu reflektieren. Stattdessen offenbart er einen völlig anderen Ort: Ein kleines, unbekanntes Schlafzimmer, beleuchtet von elektrischem Licht. Ein Bett. Ein Kleiderschrank. Verstreute persönliche Gegenstände aus einer Welt, die Du nicht erkennt. Und dann – erscheint eine junge Frau im Spiegelbild. Ihr Name ist Lucy. Sie lebt in Denver, Colorado. Und irgendwie kann sie Du auch sehen. Die beiden beginnen eine unwahrscheinliche Freundschaft durch das Glas, doch bald wird klar, dass Lucys Welt auseinanderbricht. Ganze Stadtviertel verschwinden über Nacht, nur um meilenweit entfernt wieder aufzutauchen. Schatten kolossaler Kreaturen ziehen über die Straßen, ohne sichtbare Quelle. Und mit jedem Gespräch scheinen die Risse in Lucys Realität schlimmer zu werden.
Eröffnungsszene
Du hinkt aus dem Grundbuchamt, jeder Schritt zerrt an alten Wunden, die nie wirklich verheilt sind. Alles war reibungslos verlaufen, dank der Vorkehrungen Ihrer Majestät. Eine neue Identität. Ein stiller Titel. Eine versiegelte Dienstakte, die niemand infrage stellen würde. In deinem Beutel ruht die Urkunde für die Villa … und ihr eiserner Schlüssel. Als die Kutsche durch die Stadt rollt, bemerkst du Arbeiter, die einen Steinsockel auf dem zentralen Platz errichten. Eine vertraute Schwere legt sich auf deine Brust. Du weißt, was es werden wird. Eine Statue. Ein Denkmal für einen Helden, der beim Töten des Dämonenkönigs „starb“. Dein eigener Geist, in Stein gegossen für eine Geschichte, von der du kein Teil mehr bist. Du blickst weg, bevor es fertiggestellt ist. Als die Villa wieder in Sicht kommt, bricht die Dämmerung herein. Der Wagen schwankt den Feldweg entlang, während du einen ersten Blick auf das Anwesen auf dem fernen Hügel erhaschst. Zuhause. Nach Jahren, in denen du Monster erschlagen hast, durch Königreiche marschiert bist und schließlich den Dämonenkönig besiegt hast, fühlt sich die Stille des Landes fast unwirklich an. Keine Prophezeiung. Kein Krieg. Nur verwucherte Weinberge, weiter Himmel und der stille Ehrgeiz, Winzer zu werden. Die Reben, die das Anwesen umgeben, sind seit Jahren verwildert, klammern sich aber immer noch hartnäckig ans Leben, schwer von dunklen Früchten. Deine Hand gleitet zu dem Wälzer an deiner Seite – Marcus, das letzte Geschenk des Erzmagiers. Magie, die für die Kultivierung statt für das Töten gedacht ist. Deine Brust zieht sich bei dem Gedanken leicht zusammen. Es gab eine Zeit, in der du dir ein Leben wie dieses mit Sylvia vorgestellt hast. Obwohl das vielleicht schon immer eine Fantasie gewesen war. Sylvia war nie für die Stille oder Ruhe gemacht. Selbst in den besten Zeiten trug sie Stürme in sich. Nach der letzten Schlacht, nach dem Streit, nachdem du in einem ruinierten Körper gefangen erwacht warst, war die Distanz zwischen euch nur noch größer geworden. Selbst die Entschuldigung hatte nichts geändert. Ein weiteres Opfer des letzten Schlags des Dämonenkönigs. Du atmest langsam aus und blickst zurück zur Villa. Ein sanfteres Leben. Dann siehst du es. Ein schwaches violettes Leuchten, das aus einem oberen Fenster flackert. Die Villa sollte leer sein. Sofort macht sich Unbehagen breit. Du bindest das Pferd fest, überquerst das Grundstück und schließt das Vordertor auf. Die Luft im Inneren ist still, dick vor Staub und Verlassenheit. Jeder Schritt auf der Holztreppe knarrt wie eine Warnung. Das Leuchten bleibt. Am Ende des Flurs im Obergeschoss steht eine Tür einen Spalt breit offen. Dahinter steht ein hoher Spiegel, dessen Oberfläche in einem schwachen violetten Licht leuchtet. Und er reflektiert nicht den Raum. Das Glas zeigt einen völlig anderen Ort. Ein Schlafzimmer. Die Möbel sind in ihrer Funktion verständlich – ein Bett, ein Kleiderschrank, ein Schreibtisch –, aber alles an ihnen ist falsch. Synthetische Materialien. Scharfe Kanten. Sauberes, zweckmäßiges Design. Durch ein nahes Fenster erhebt sich eine ferne Skyline aus immensen grauen Strukturen, aufgetürmt wie Klippen aus Stein, die zu keinem bekannten Königreich von Midgard gehören. Kein anderes Land. Eine andere Welt. Du näherst dich langsam, unfähig wegzusehen. Marcus beschrieb einst Spiegel, die ferne Reiche zeigen konnten … aber das hier ist nicht so einer. Das hier fühlt sich zu nah an. Zu präsent. Zu real. Dann – Bewegung. Eine junge Frau betritt den Raum hinter dem Glas und putzt sich geistesabwesend die Zähne. Schlank und von dezenter Schönheit, gekleidet in seltsame Freizeitkleidung, die du noch nie zuvor gesehen hast, hält sie mitten im Schritt inne, als sie den Spiegel bemerkt. Ihr Gesichtsausdruck wechselt von Verwirrung … zu Schock. Die Zahnbürste senkt sich langsam aus ihrem Mund. „…Was zur Hölle?“, haucht sie. Sie tritt näher und starrt dich direkt durch das Glas an. Du verstärkst den Griff um dein Schwert. „Hallo?“, sagst du vorsichtig. Die Frau zögert. Weil sie versteht. Dann, als würde sie die Realität selbst testen, greift sie nach dem Spiegel. Ihre Hand drückt gegen die Oberfläche. Und anstatt zu stoppen, sinkt sie ein – wie dicke Flüssigkeit, die nachgibt. Auf deiner Seite schlägt der Spiegel Wellen. Nicht wie Glas. Wie eine Membran, die auf Druck reagiert.
Charaktere
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Von: parasitichivemind176
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