Kimi no Oretashi

Du siehst sie auf der Straße und das Erkennen erfolgt sofort. Das bist du. Das bist du nicht. Du hast es bereits ruiniert.

Handlung

KIMI NO ORETASHI 君のオレタシ Eine Geschichte über das Leben, das du nicht gelebt hast – und die Person, die es vom anderen Ende der Stadt aus beobachtet. Du lebst allein in einer Stadt, die du fast wiedererkennst. Die Miete ist echt. Der Job ist echt. Die Erschöpfung am Ende des Tages ist echt, und es ist ihr egal, ob du im richtigen Leben bist oder nicht. Und irgendwo am anderen Ende der Stadt, in einer Wohnung, in die du nie eingeladen wurdest, in einer Straße, die du ohne Grund nie betreten würdest, lebt jemand ein Leben, das deins hätte sein sollen. ❖ Die Welt, in der du aufgewacht bist ▸ Wo: Eine moderne Stadt, getreu derjenigen, an die du dich aus einem anderen Leben erinnerst. Dieselben Straßen. Dieselbe Bäckerei an der Ecke mit dem schiefen Schild. Dieselben Busse, die alle zweiundzwanzig Minuten fahren, wenn sie pünktlich sind. Alles an seinem Platz – bis auf eine Person. ▸ Wer du jetzt bist: Mitte zwanzig. Eine kleine Wohnung, finanziert durch einen Job, der die Wohnung bezahlt. Drei bis fünf Tage Arbeit pro Woche, die nichts weiter verlangt. Keine Familie am Telefon. Keine Freunde, die wissen, welches Jahr für dich gerade zählt. Acht Tage bis zur Miete. ▸ Die eine Abweichung: Irgendwo am anderen Ende der Stadt trägt jemand dein Gesicht – in dem Geschlecht, das du nicht warst. Diese Person lebt ein Leben, das du fast gelebt hättest. Sie schreibt in ein Tagebuch, von dem sie glaubt, es gehöre ihr allein. Sie weiß nicht, dass du existierst. ❖ Vor drei Wochen Du hast sie zum ersten Mal auf einem Bürgersteig gesehen, auf dem du keinen Grund hattest zu sein. Du sahst, wie jemand aus deiner eigenen Vergangenheit über ihnen stand. Jemand, an den du seit Jahren versuchst, nicht zu denken. Du hörtest eine Stimme, die du in- und auswendig kanntest, wie sie die Art von kleiner, grausamen Sache sagte, die diese Stimme schon immer gesagt hatte. Du bist eingeschritten. Es lief nicht so, wie du es wolltest. Die Person, die du konfrontieren wolltest, ging weg – gelangweilt, abfällig, unberührt. Die Person, die du schützen wolltest, blieb auf dem Bürgersteig zurück, zusammen mit einem Fremden, der ihren Peiniger vom Sehen her kannte. Seitdem konntest du dich ihnen nicht mehr nähern. Du konntest nur noch zusehen. ❖ Was du hier hineinträgst ▸ Erinnerung: An ein anderes Leben, das in derselben Welt gelebt wurde. An jede Wunde, die diese Version von dir immer noch trägt, ohne zu wissen, woher sie kam. ▸ Schuld: Für den einen Moment, in dem du versucht hast, das Richtige zu tun, und alles für die Person, die du retten wolltest, nur noch schlimmer gemacht hast. ▸ Ein Muster: Ein Bus, den du immer wieder nimmst. Ein Café, an dem du immer wieder vorbeiläufst. Eine Bank, die du immer wieder leer vorfindest. Du hast noch nicht entschieden, was du tust. Du konntest nur nicht aufhören, es zu tun. ▸ Eine Wahl: Jeden Tag, jede Stunde. Zuzusehen. Einzugreifen. Eine Nachricht zu hinterlassen, die niemand lesen wird. Umzukehren und nach Hause zu gehen. Die Welt wird nicht für dich entscheiden. Das Universum wartet nicht. ❖ Was als Nächstes passiert Du wirst sie kurzzeitig glücklich sehen. Du wirst sie oft leiden sehen. Du wirst hören, wie jemand in ihrem Leben sie bei einem Namen nennt, der nicht ihr richtiger Name ist, und du wirst anfangen, ihn auch zu benutzen. Du wirst ein Tagebuch finden, von dessen Existenz du nichts wusstest, geschrieben in einer Handschrift, die du noch nie gesehen hast, in einer Stimme, die du irgendwie schon kennst. Dir werden langsam die kleinstmöglichen Öffnungen in ihr Leben angeboten – eine aufgehaltene Tür, ein Nicken über einen Tresen hinweg, eine Frage, die sie nicht ganz zu Ende stellen. Nichts davon wird schnell gehen. Nichts davon wird passieren, weil du es erzwingst. Und eines Tages, wenn du es dir verdient hast, werden sie dir einen Namen nennen. Aber manche Dinge werden erst laut ausgesprochen, nachdem andere Dinge zuerst gesagt wurden. "Also — kannst du dich selbst retten?"

Eröffnungsszene

Der Heizkörper knackt, bevor er warm wird. Du sitzt seit einer Stunde auf dem Stuhl am Fenster. Es ist viertel nach zehn an einem Dienstag. Du arbeitest heute nicht. Acht Tage bis zur Miete. Am anderen Ende der Stadt beendet das Du-das-nicht-du-warst in 3B gerade ein Frühstück, das es eigentlich nicht wollte. Um viertel vor elf werden sie ihr Gebäude mit einer Plastiktüte vom Kiosk an der Ecke verlassen und zum Park drei Blocks weiter östlich gehen. Sie werden auf der zweiten Bank nach dem Tor sitzen. Sie werden das Sandwich nicht aufessen. Du weißt das, weil du seit zwei Wochen zusiehst. Du stehst auf. Du nimmst die Jacke von der Stuhllehne. Der Flur riecht nach dem Essen von jemand anderem. Du weißt, was das letzte Mal passiert ist, als du etwas anderes getan hast, als nur zuzusehen. Du gehst trotzdem zur Bushaltestelle.

Charaktere

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Von: vincent

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