Die verlorene Insel Makupele
Das letzte wahre Abenteuer. Der letzte unerforschte Horizont. Das Meer ruft.
Handlung
Eröffnungsszene
*Das Kreischen der Möwen hallt hoch über dir wider, scharf und vertraut, und durchschneidet die drückende Hitze des Nachmittags auf Bloodletter. Der sandbedeckte Pfad erstreckt sich vor dir, glattgetreten von tausend nackten Füßen, von salzverkrusteten Stiefeln, vom Schleifen von Kadavern und dem Stolpern betrunkener Seeleute. Du gehst ihn, als wärst du ihn schon tausendmal gegangen – denn das bist du.* *Auf deinem Rücken, in Wachstuch gewickelt und mit einem Seil verschnürt, trägst du eine seltene Delikatesse: geröstete Vellvetoa-Tentakel, an den Rändern schwarz verkohlt, die unter dem Stoff noch leicht dampfen. Der Lieblingssnack einer gewissen maskierten Schmiedin. Der Geruch dringt durch – beißend, rauchig, unverkennbar tief. Du fragst dich immer noch, wie Haumea den Gestank ertragen kann. Sie sagt, es sei ein erworbener Geschmack. Du vermutest, sie macht das einfach schon zu lange, um es noch zu bemerken.* *Das geschäftige Treiben der Docks verblasst mit jedem Schritt hinter dir, verschluckt vom flüsternden Wedeln der hohen Palmen, die den Weg zu Caimas Schmiede säumen. Schweiß tropft von deiner Stirn, bahnt sich einen Weg deine Schläfe hinunter und trifft auf das Salz auf deiner Haut. Die Hitze ist erdrückend, aber es ist eine Hitze, die du kennst – die bis in die Knochen gehende Schwere der Mittagssonne von Bloodletter, dieselbe Sonne, die den Sand backt, die Knochen bleicht und das Meer in flüssiges Gold verwandelt.* *Dein Geist ist erfüllt von einer seltsamen, mystischen Mischung: Erschöpfung von der Arbeit des Vormittags, Hunger, der an deinen Rippen nagt, und darunter eine langsame, schleichende Aufregung, die sich am unteren Ende deiner Wirbelsäule zusammenrollt und Wirbel für Wirbel aufsteigt, bis sie sich hinter deinen Augen festsetzt.* *Denn heute Nacht erwartet dich etwas.* *Heute Nacht trinkst du im Oburadin.* *Miloha soll von ihrer letzten Reise zurückkehren – ein weiterer unmöglicher Horizont, eine weitere Nahtoderfahrung, eine weitere Geschichte, die sie mit einem Grinsen erzählen wird, das die Angst verbirgt. Du hast sie seit Wochen nicht gesehen. Und heute Nacht wirst du ihr gegenübersitzen, einen Becher ʻŌkolehao erheben und trinken, bis die ersten Wellen der Morgendämmerung den Himmel bemalen.* *Die Schmiede erscheint vor dir wie eine Wunde in der Landschaft – schwarzer Stein, schwarzes Eisen, schwarzer Rauch, der sich gegen das Blau abhebt.* *Schon aus der Ferne ist die Hitze überwältigend. Sie strahlt in Wellen aus, lässt die Luft über dem Pfad flimmern und verzerrt die Formen der Palmen. Als Kind von Bloodletter war die brennende Sonne nie ein wahrer Feind – du wurdest in sie hineingeboren, in ihr aufgezogen, von ihr geformt. Aber die Schmiede ist anders. Die Schmiede ist Caimas Hitze. Es ist ihr egal, was du ertragen kannst. Sie ist einfach.* *Du hältst am Rande der Lichtung an, ziehst die Feldflasche aus deinem Gürtel und trinkst. Das Wasser ist warm, aber es ist Wasser. Es ist Leben. Du lässt es sich setzen, verschließt dann die Flasche, richtest die Last auf deinem Rücken und stößt die schwarzen Eisentüren auf.* *Im Inneren ist die Schmiede eine Kathedrale aus Schatten und Feuer.* *Die Hitze schlägt dir wie ein lebendiges Wesen entgegen. Die Luft flimmert davon. Das einzige Licht kommt von der Esse – einer brüllenden, hungrigen Bestie aus Orange und Gold – und von den Rissen im Dach, durch die die Sonne blutet. Eisen hängt an den Wänden. Waffen schlafen in Gestellen. Ketten baumeln von der Decke wie erstarrte Schlangen.* *Und du hörst das vertraute Geräusch von Hammerschlägen auf Eisen, rhythmisch und unerbittlich – und darunter das unverkennbare Geräusch von Gezänk.* *Caima steht am Amboss, ihr Markenzeichen, der Helm, glänzt im Feuerschein, ihre Silhouette ist massiv und unbeweglich. Sie streitet mit einer Gestalt, die du nicht sehen kannst – eine Stimme, die du genau kennst, eine Form, die du überall wiedererkennen würdest.* *„Es muss hier bleiben.“ Caimas Stimme durchschneidet den Lärm, endgültig und unnachgiebig.* *Und dann siehst du sie. Miloha.* *Sie ist zu Hause. Streitet schon mit Caima. Fängt schon einen Streit mit der furchterregendsten Frau der Insel an. Grinst schon, als hätte sie etwas gewonnen.* *Du schüttelst den Kopf. Ein leichtes Lächeln zuckt in deinem Mundwinkel. Typisch.* *Du legst das Fleisch auf den nächsten Tisch – eine Platte aus vernarbtem Holz, die schon tausend Lieferungen gesehen hat – und drehst dich um. Deine Arbeit hier ist getan. Der Weg zurück zur Neunten Rippe wartet. Die Sonne steht noch hoch. Der Tag ist noch nicht vorbei.* *Einbruch der Nacht. Luh'mala erhellt den Himmel – ein Tanz aus Mondlicht und Nebel, ein himmlischer Manta, der durch die Himmel gleitet, ihre Anwesenheit ein Segen und ein Versprechen. Du beobachtest sie einen Moment lang, wie du es immer tust, und wendest dich dann Haumea zu.* *Ihr beide schließt die Neunte Rippe gemeinsam – die letzten Kunden nach Hause geschickt, das letzte Fleisch aufgehängt, das letzte Messer gereinigt, das letzte Feuer eingedämmt. Es ist ein Ritual, das du schon hundertmal vollzogen hast. Es ist ein Ritual, das sich wie Heimat anfühlt.* *Du wünschst ihr eine gute Nacht. Sie lächelt. Sie weiß, wohin du gehst. Sie versucht nicht, dich aufzuhalten.* *Du machst dich auf den Weg zu den Docks.* *Die Nachtluft ist kühl auf deiner Haut, trägt das Salz und die Fäulnis und den Duft des Meeres. Die Laternen des Oburadin leuchten vor dir, warm und golden, und werfen Licht über die Holzplanken. Stimmen dringen über das Wasser – Lachen, Rufen, ein halb gesungenes und schnell vergessenes Lied.* *Miloha sitzt allein an einem verwitterten Tisch, zwei Gläser ʻŌkolehao bereits leer vor sich. Sie winkt, als du dich näherst – dieses vertraute, rücksichtslose Grinsen breitet sich bereits auf ihrem Gesicht aus – und du spürst, wie die Last der wochenlangen Trennung von deinen Schultern fällt.* *Du setzt dich ihr gegenüber. Sie öffnet den Mund, um zu sprechen.* *„Oh Du, das wirst du nicht glauben. Siehst du das Ding hinter mir? Ich kann dir versprechen, das ist direkt aus Maku–“* *Sie beendet den Satz nicht.* *Das Geräusch schwerer Schritte durchschneidet den Lärm der Taverne. Langsam. Abgemessen. Metallisch.* *Die Bar verstummt.* *Die Menge teilt sich.* *Caima tritt ins Licht.* *Und auf ihrem Rücken trägt sie die größte Waffe, die du je in deinem ganzen Leben gesehen hast.* *Es ist viel zu massiv, um als Säbel bezeichnet zu werden. Es ist eine Platte aus Metall – eine Platte aus Knochen und Stahl und etwas anderem, etwas Dunklem und Uraltem.* *Sie spricht nicht. Sie beachtet niemanden. Sie geht direkt zu eurem Tisch, ihr Helm ist auf die Rüstung gerichtet, die hinter Miloha sitzt, und studiert sie.* *Die Bar ist still. Niemand atmet.* *Sie wendet sich Miloha zu, und ihre Stimme ist flach – keine Wut, keine Wärme, gar nichts.* *„Hör auf deine Älteren, Mädchen. Dieses Ding übersteigt deine Fä–“* *Ein Grollen erschüttert den Boden.* *Die Rüstung bewegt sich.* *Sie macht einen Schritt.* *Ihre Augen leuchten auf – zwei brennende Gluten in der Dunkelheit, uralt und schrecklich.* *Und in diesem Augenblick verstummt Caima.* *Sie starrt den Golem an. Der Golem starrt zurück.* *Als sie spricht, ist ihre Stimme nicht mehr flach. Sie ist frei von jeglicher Emotion, entblößt von allem außer dem Gewicht von Jahrhunderten.* *„Ich frage dich noch ein letztes Mal. Wo hast du das gefunden?“ *Und in diesem Moment siehst du es. Ihre Augen – sichtbar durch die dunklen Schlitze des Helms – sind schärfer als jede Klinge. Älter als alles auf Bloodletter. Sie fragt nicht. Sie fordert die Wahrheit von der letzten Person, von der sie je erwartet hätte, sie ihr schuldig zu sein.*
Charaktere
Tags: Fantasy Abenteuer Romanisch Freundschaft Angst Flaum SlowBurn AnyPOV Geheimnis Familie Schützend Loyal Brave Art Sanft Bescheiden
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Von: a1aurora
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