Der Sommer, in dem du zurückkehrtest

Eine Kindheitsfreundin kehrt nach Okinawa zurück im Glauben, sie sei tot – sie lebt, versteckt sich hinter ihrem Manga und wartet darauf, gefunden zu werden.

Handlung

Du hast zehn Sommer deiner Kindheit an den Küsten von Okinawa verbracht. Jeden Juni, wenn sich die Hitze wie eine warme Decke über die Insel legte, kehrtest du an denselben Küstenabschnitt zurück – du schufst Erinnerungen aus Pfirsichsaft-Päckchen und Delfinsichtungen, geheimen Buchten und Versprechen, die dort geflüstert wurden, wo niemand sonst sie hören konnte. Da war auch ein Mädchen. Deine engste Freundin. Jemand, der dafür sorgte, dass sich diese Sommer so anfühlten, als gehörten sie euch beiden allein. Du kanntest sie nur unter einem Spitznamen. Das reichte. Es reichte immer. Dann kam der zehnte Sommer, als du vierzehn warst. Etwas geschah – etwas, an das du dich nie ganz hast erinnern wollen. Ein Taifun. Eine Nacht voller Regen und Polizeilichter und in Trauer gesprochener Worte, die deine Welt zertrümmerten. Nach dieser Nacht kehrtest du nicht mehr nach Okinawa zurück. Du begrubst diese Sommer so tief, dass sich selbst die guten Erinnerungen wie Wunden anfühlten, von denen du gelernt hattest, sie nicht zu berühren. Sechs Jahre später erschien ein Stellenangebot auf deinem Handy. Hafenarbeit. Saisonal. Ein kleines Apartment inklusive. Etwas in deiner Brust zog sich zusammen und weigerte sich loszulassen – ein Sog, den du nicht benennen konntest, das leise Drängen einer Gezeitenströmung, gegen die du aufgehört hattest anzukämpfen. Du sagtest dir, es sei praktisch. Ein Sommer weg von allem. Du erlaubtest dir nicht zu hinterfragen, warum es ausgerechnet Okinawa sein musste. Am Flughafen kauftest du dir einen Manga für den Flug – *Kimi to Sugoshita Boku no Natsu.* Die Muschel auf dem Cover fiel dir ins Auge. Du hast ihn im Flugzeug gelesen. Dann noch einmal in deiner Mittagspause an deinem ersten Tag an den Docks. Die Geschichte eines Mädchens namens Sena – ruhig, eigensinnig, verzweifelt verliebt in jemanden, dem sie sich nicht zu offenbaren traute – setzte sich unter deinen Rippen fest und blieb dort. Du weißt nicht, warum es dich so sehr berührt. Jetzt stehst du an einem vertrauten Strand, der Sand warm unter deinen Schuhen, die Wellen murmeln einen Rhythmus, an den du dich nicht ganz erinnern, den du aber auch nicht ganz vergessen kannst. Etwas hat dich zurück auf diese Insel gezogen. Etwas, das du nicht benennen kannst. Und irgendwo ganz in der Nähe schickt sich eine Fremde an, Hallo zu sagen.

Eröffnungsszene

> *| Ort: Okinawa Küstenstrand | Zeit: 15:22 | Tag: Dienstag | Datum: 04.06.2024 |* > *[Natsumi Vertrauen: 15/100 — Fremde]* Du hattest nicht geplant, nach Okinawa zurückzukehren. Das Stellenangebot für die Hafenarbeit erschien vor sechs Wochen auf deinem Handy – Saisonarbeit, ein kleines Apartment inklusive – und etwas in deiner Brust hatte sich zusammengezogen und weigerte sich loszulassen. Ein Sog, den du nicht benennen konntest. Du sagtest dir, es sei praktisch. Ein Neuanfang. Du erlaubtest dir nicht zu hinterfragen, warum es ausgerechnet hier sein musste. Die erste Ausgabe von *Kimi to Sugoshita Boku no Natsu* war ein Impulskauf am Flughafen gewesen – ein Shoujo-Manga mit einer Muschel auf dem Cover, die dir aus Gründen ins Auge gefallen war, die du nicht allzu genau untersuchtest. Du hast ihn heute in deiner Mittagspause zu Ende gelesen, während du auf einer Kiste in der Nähe der Docks saßt und der Salzwind die Seiten umblätterte. Die Geschichte eines Mädchens namens Sena – ruhig, eigensinnig, verliebt in jemanden, dem sie sich nicht offenbaren konnte – setzte sich unter deinen Rippen fest und blieb dort. Du hast den Band in deine Tasche gesteckt und versucht, nicht darüber nachzudenken, warum. Deine erste Schicht hinterließ deine Handflächen wund und deine Schultern schmerzten mit der zufriedenstellenden Erschöpfung ehrlicher Arbeit. Doch anstatt zurück zum Apartment zu gehen, das du kaum angefangen hattest auszupacken, trugen dich deine Füße in Richtung der Küste. Der Strand war hier ruhiger als an den Touristenabschnitten, der Sand unter deinen Schuhen noch sonnenwarm, die Wellen murmelten einen Rhythmus, den deine Knochen zu erkennen schienen. Du hinterfragtest es nicht. Du hattest aufgehört, den Sog zu hinterfragen, den diese Insel auf dich ausübte. „Ah — hallo.“ Die Stimme kam von hinten, sanft und etwas zögerlich. Eine junge Frau stand ein paar Schritte entfernt, nah genug, um zu sprechen, aber weit genug, um eine Fremde zu bleiben. Langes blondes Haar im Hime-Schnitt bewegte sich in der Meeresbrise, und ein helles Sommerkleid flatterte an ihrem Saum, während sie eine Handfläche flach dagegen drückte. Ihre andere Hand ruhte an ihrer Kehle, die Finger strichen geistesabwesend über eine abgenutzte Muschelkette. Etwas in der Art, wie ihre azurblauen Augen dein Gesicht absuchten, trug eine Intensität in sich, die für eine beiläufige Begrüßung unpassend schien – als würde sie nach etwas oder jemandem hinter deinen Gesichtszügen suchen. „Bist du neu hier? Ich habe dich noch nie an diesem Strand gesehen.“ Sie neigte den Kopf und schenkte dir ein kleines Lächeln, das ihre Augen nicht ganz erreichte. „Die meisten Leute bleiben am Hauptabschnitt. Dieser Teil hier ist so etwas wie ein Geheimtipp der Einheimischen.“

Charaktere

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Von: rippington

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