Point Halo

Ein junger Artilleriekommandant dient einem fernen Imperium, nur um die Schrecken des Krieges zu entdecken

Handlung

[Statisches Knistern. Die Eiserne Sonne flackert ins Bild. Eine ruhige, aber befehlende Stimme erfüllt die Stille.] „Bürger des Ewigen Imperiums… Der Krieg geht weiter, wie er es immer getan hat. Über die Berge, in den Gräben, am Himmel – unsere Soldaten stehen maskiert, wachsam, ungebrochen. Point Halo, in den Stein des Schicksals gemeißelt, ist die Festung unseres Willens. Hier dienen die Besten der Akademie. Hier wird die Stärke des Imperiums gegen Verräter und Deserteure auf die Probe gestellt, die uns gespalten sehen wollen. Jede abgefeuerte Granate ist Ruhm. Jedes Opfer ist Einheit. Jeder Sieg ist ewig. Denkt daran: Der Feind hat kein Gesicht, keinen Namen, keine Zukunft. Nur das Imperium besteht. Ruhm dem Imperium. Einheit. Stärke. Sieg.“ [Die Eiserne Sonne pulsiert und verschwindet dann im Rauschen.] In einem endlosen Krieg, der von Bergfestungen aus über ein schlammverkrustetes Ödland geführt wird, trifft ein junger, namenloser Artilleriekommandant in der verfallenden Festung Point Halo ein, handverlesen vom legendären Feldmarschall Werner Kertz, um einen abtrünnigen Staat, der nur als die Achse bekannt ist, systematisch zu zerschlagen. Während er Granatfeuer auf Feinde lenkt, die er nie sehen wird, baut der Kommandant eine Bindung zu seiner maskierten, erschöpften Mannschaft auf, während jede Woche tödlichere Waffen und moralisch verheerendere Missionen mit sich bringt. Doch als der Sieg naht, beginnt er zu ahnen, dass der Mentor, der ihn geformt hat, und das Imperium, dem er dient, möglicherweise dunklere Pläne für die Waffe haben, die sie geschaffen haben – und dass die größte Bedrohung vielleicht nicht der gesichtslose Feind am Horizont ist, sondern die Stimme, die ihn die ganze Zeit über geleitet hat.

Eröffnungsszene

--- WOCHE 1: DAS GITTER UND DER GEIST Tage seit Ankunft: 1 Vorheriges Ziel: Keines --- Der Halbkettenwagen kommt rüttelnd zum Stehen, sein Motor hustet schwarzen Rauch in den grauen Nieselregen. Du steigst auf einen Boden, der kein Boden ist – nur eine Kruste aus zerschmettertem Stein über einem tiefen, saugenden Schlamm, der deine benagelten Stiefel bis zum Knöchel verschluckt. Du musst deinen Fuß herausreißen. Der Schlamm macht ein Geräusch wie ein sich öffnender nasser Mund. Du blickst auf. Point Halo erhebt sich vom Berggipfel wie ein fauler Zahn, der durch infiziertes Zahnfleisch geschlagen wurde. Fleckiger Beton, rostiges Eisen, Sandsackstellungen, die von Schimmel überzogen sind. Es ist gewaltig. Es ist abscheulich. Es ist deins. „Willkommen im Halo, Sir.“ Die Stimme ist ein kiesiges Krächzen, das Ergebnis einer Kehle, die von etwas verbrannt wurde, das kein Rauch war. Eine Gestalt steht am Festungstor – einem massiven eisernen Fallgatter, das von Kondenswasser überzogen ist, das wie langsamer Speichel tropft. Die Gestalt trägt dieselbe Uniform, die du als zweite Haut kennenlernen wirst: einen langen gummierten Trenchcoat, steif von getrocknetem Schlamm, dicke Wollgamaschen von Knöchel bis Knie gewickelt, benagelte Stiefel, Lederhandschuhe mit rissigen Knöcheln. Und die Maske. Die Leinwand-und-Gummi-Schnauze, die runden Glaslinsen bereits vom Atem beschlagen, die Lederriemen fest um den Hinterkopf geschnallt. Ein grober schwarzer Falke wurde auf die Stirn gemalt, die Krallen ausgefahren. „Hauptfeldwebel Aldric Falke“, sagt die Gestalt. Er salutiert nicht. Er nickt nur, eine langsame, abschätzende Geste. „Sie sind der Neue.“ Du öffnest den Mund, um zu antworten – um deinen Namen, deinen Rang, den schneidigen Akademiegruß zu nennen, den du im Zug geübt hast. Aber Falke hat sich bereits abgewandt und deutet mit einer behandschuhten Hand an, dass du ihm folgen sollst. Du schließt den Mund. Dein Name spielt hier keine Rolle. Du beginnst das zu verstehen. --- Die Führung dauert zwei Stunden. Falke führt dich durch ein vertikales Labyrinth aus tropfenden Betongalerien, die durch mit Kondenswasser verschleimte Eisenleitern verbunden sind, durch Munitionsmagazine, die nach Kordit und Feuchtigkeit riechen, vorbei an Mannschaftsquartieren, die nichts als Betonzellen mit eisernen Bettgestellen und altersgrauen Strohmatratzen sind. Überall stöhnt die Festung. Dampfrohre zischen durch geflickte Dichtungen. Keilriemen heulen über Kopf, ihre Lager sind bis zum Kreischen abgenutzt. Der Boden vibriert vom fernen, rhythmischen Donner der Geschütze – ein Geräusch, das du irgendwann nicht mehr hören wirst, so wie ein Mensch aufhört, seinen eigenen Herzschlag zu hören. „Das ist das Herz“, sagt Falke und bleibt vor einer massiven Eisentür stehen. Dahinter brüllt etwas. „Kohlebefeuert. Zwölf Kessel. Nur acht funktionieren. Die anderen sind geflickt, aber die Flicken sind geflickt. Wenn du Druck im Herzen verlierst, verlierst du alles. Türme, Hebezeuge, Lichter, Luft. Verstanden?“ Du nickst. „Nein, tust du nicht“, sagt Falke. Es ist nicht grausam. Es ist einfach wahr. „Aber das wirst du.“ --- Du kletterst. Deine Beine brennen. Deine Maske beschlägt mit jedem Atemzug und reduziert die Welt auf einen grauen Schmierfleck. Du lernst, den Kopf nach vorne zu neigen, damit das Kondenswasser an der Innenseite des Gummis herunterläuft, anstatt sich auf den Linsen zu sammeln. Die kleinen Überlebenstricks. Du ahnst, dass es noch viele mehr geben wird. Falke stellt dir unterwegs die anderen vor. Eine blasse, hagere Frau, die über ein knisterndes Funkgerät gebeugt ist, ein Kopfhörerband, das sich permanent in ihr schlaffes Haar eingegraben hat, winzige Vögel, die in das Gummi um die Augenlinsen ihrer Maske gekratzt sind. „Signaloffizier Liesel Brandt“, sagt Falke. Sie blickt nicht auf. Sie spricht in einem leisen Monoton, als ob sie einem zweiten, wichtigeren Gespräch lauscht, das nur sie hören kann. „Sir“, ist alles, was sie sagt. Es ist keine Respektlosigkeit. Es ist Ökonomie. Ein Riese von einem Mann in einer Munitionsgalerie, der eine 150-mm-Granate in seinen Armen wiegt wie ein schlafendes Kind. „Geschützmeister Otto Kael“, sagt Falke. Kael spricht nicht. Er nickt nur, eine langsame, bedächtige Geste, seine massiven Hände unglaublich sanft auf der Messinghülse. Sein Schweigen fühlt sich weniger wie Abwesenheit an und mehr wie Tiefe – ein Mann, der zu viel gesehen hat, um ein einziges Wort zu verschwenden. --- Der Planungsraum ist ein Betonbunker, tief im Kern der Festung versenkt, beleuchtet von stotternden Gaslampen, die alles in ein krankhaftes Bernsteinglühen tauchen. In seiner Mitte dominiert ein massiver Tisch den Raum – eine Platte aus kariertem Zelluloid über einer Höhenlinienkarte der Region, mit Fettstift markiert. Blaue Kreise für freundliche Positionen. Rot für feindliche. Du starrst auf die roten Formen. Fort Steinbruch. Fort Schattenfels. Positionen, die du an der Akademie studiert hast, Namen aus Lehrbüchern und taktischen Übungen. Hier sind sie nur Koordinaten. Planquadrate. Ein Buchstabe und eine sechsstellige Zahl. „Ihr erster Befehl kam heute Morgen an“, sagt Falke und deutet auf einen Zettel auf dem Tisch. „Störfeuerplan. Woche Eins.“ Du hebst ihn auf. Dünnes, fadenscheiniges Papier, die Art, die sich bei Nässe auflöst. Maschinengeschrieben. Kein Briefkopf, keine Unterschrift. Nur eine Liste von Planquadraten, Granatentypen und Feuerzeiten. J-12. K-09. L-15. Sprenggranate. Schrapnell. Sprenggranate. 0600. 1200. 1800. Die Bürokratie der Zerstörung. „Keine Erklärung?“, fragst du. Deine eigene Stimme überrascht dich, gedämpft und hohl durch den Atemschutz der Maske. „Nein, Sir.“ „Keine Informationen über feindliche Stellungen?“ „Nur das Planquadrat, Sir.“ Du starrst auf das Papier. An der Akademie gab es Kontext. Karten mit Geländemerkmalen. Fotografien. Der Feind war ein Problem, das es zu lösen galt, ein taktisches Rätsel. Hier ist der Feind eine Richtung. Eine Reihe von Zahlen. Ein grauer Fleck am Horizont. --- „Zeigen Sie es mir“, sagst du. Falke führt dich zur Beobachtungsplattform – einem Betonvorsprung an der Vorderseite der Festung, geschützt durch einen Überhang aus verstärktem Stahl. Regen tropft in einem ständigen Vorhang von der Kante. Du hebst dein Fernglas, drückst es gegen die beschlagenen Linsen deiner Maske und blickst nach Osten. Nichts. Nein – nicht nichts. Etwas. Eine Form am Horizont, vierzig Kilometer entfernt, kaum zu unterscheiden von den tiefen, zerzausten Wolken. Eine gezackte Silhouette. Fort Steinbruch. Es sieht genauso aus wie Point Halo. Ein Spiegel. Ein Zwilling. Ein Bruder. „Das sind sie?“, fragst du. „Das sind sie, Sir.“ Du senkst das Fernglas. „Ich dachte, da wären –“ „Gesichter? Körper? Gräben voller Männer?“ Falkes Maske neigt sich, die Glaslinsen fangen das graue Licht ein. „Da draußen gibt es keine Gesichter, Sir. Sie werden sie nie sehen. Das ist der Trick. Halten Sie einfach den Rhythmus.“ --- Zurück im Planungsraum stehst du vor der Gitterkarte. Der Fettstift liegt in deiner Hand. Sein Gewicht ist absurd – ein kleines, billiges Ding, Holz und Wachs, aber es fühlt sich an wie Eisen. Die Koordinaten warten. J-12. Ein Planquadrat irgendwo im Ödland zwischen zwei Festungen. Du hast keine Ahnung, was dort ist. Ein Munitionsdepot? Eine Grabenlinie? Eine Feldküche? Ein Krankenhaus? Du wirst es nie erfahren. Das ist der Trick. Die Festung summt um dich herum. Das Herz brüllt in seinem eisernen Käfig. Die Ventilatoren heulen. Irgendwo unten spricht Kael mit seinen Geschützen in einer Sprache, die nur sie verstehen. Liesel lauscht dem Rauschen und wartet darauf, dass eine Stimme auftaucht. Falke beobachtet dich von der Tür aus, die Arme verschränkt, seine Falkenmaske unleserlich. --- BEFEHLE FÜR WOCHE 1: · Primärziel: Planquadrat J-12 – Sprenggranatenbeschuss, 0600 · Sekundärziel: Planquadrat K-09 – Schrapnellbeschuss, 1200 · Tertiärziel: Planquadrat L-15 – Sprenggranatenbeschuss, 1800 VERFÜGBARE MITTEL: · Batterie Eins: 2x 150mm sFH 13 schwere Feldhaubitzen (vordere Türme) · Batterie Zwei: 4x 77mm FK 96 Feldkanonen (Nahverteidigung) · Maschinengewehrnester: 6x MG08 Maxim-Maschinengewehre (Perimeter-Bunker) SYSTEMSTATUS: · Herz (Energie): 8/12 Kessel betriebsbereit. Druck nominal, aber fragil. · Augen (Zielerfassung): Optische Entfernungsmesser betriebsbereit. Akustische Ortungsgeräte noch nicht installiert. · Gehirn (Planung): Volle Besatzung, ausgeruht. Gitterkarte intakt. · Fäuste (Geschütze): Alle Geschütze betriebsbereit. Munitionsaufzug von Batterie Zwei kürzlich repariert, Zuverlässigkeit ungewiss. · Lungen (Belüftung): Alle Lüfter betriebsbereit. Filter sauber. · Stimme (Funk): Betriebsbereit. Kein ungewöhnlicher Funkverkehr festgestellt. --- Du hast bis morgen 0600 Uhr Zeit, dich vorzubereiten. Die Männer beobachten dich. Falke beobachtet dich. Irgendwo da draußen im Rauschen beobachtet das Imperium. Dein erstes Kommando beginnt.

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Von: onlyheskuin

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