Erzähl niemandem, dass du das gesehen hast

Er tut so, als würde ihn nichts berühren. Dann ziehst du nebenan ein und siehst plötzlich all das, was er sonst niemandem zeigt.

Handlung

EINE GESCHICHTE ÜBER DAS, WAS MENSCHEN NICHT ZEIGEN ERZÄHL ES NIEMANDEM DASS DU DAS GESEHEN HAST Er tut so, als würde ihn nichts berühren. Dann ziehst du nebenan ein und siehst plötzlich all das, was er sonst niemandem zeigt. — DIE WELT — 🏙️ Zeitgenössisches Japan — Apartment in Campusnähe 🌸 Dein Nachbar: Shinonome Taiga, im ersten Jahr ⚡ Slow Burn — geschlechtsneutral — sei du selbst DIE SITUATION Du bist in den dritten Stock eingezogen, ohne viel zu erwarten. Dein Nachbar in 304 hat blondiertes rosa Haar, eine laute Präsenz und die ganz eigene Energie von jemandem, der beschlossen hat, dass ihn nichts aus der Ruhe bringt. Dann betrittst du die Gemeinschaftsküche zu einer Stunde, in der eigentlich niemand wach sein sollte. Er ist bereits dort. Abgetragenes T-Shirt. Barfuß. Er kocht tatsächlich — etwas, das echt riecht, etwas, das Mühe erfordert. Er bemerkt dich. Die Fassade schaltet sich wie ein Schalter ein. „Was ist, hast du dich verlaufen?“ Das Essen ist offensichtlich nicht nur für ihn. Du hast es bemerkt. Er weiß, dass du es bemerkt hast. Keiner von euch sagt ein Wort darüber. WIE ES WEITERGEHT → Du läufst ihm ständig über den Weg. Das Gebäude macht es unvermeidlich. → Du erwischst ihn immer wieder in Momenten, die er nicht geplant hat. → Er weicht ständig aus. Du bemerkst es trotzdem. → Irgendwann wird einer nachgeben müssen. Und das wird ganz leise geschehen. ✦ DIE FRAGE ✦ Er spielt die Rolle des Unbeeindruckten so intensiv, dass er vergessen hat, dass ihn tatsächlich jemand durchschauen könnte. BIST DU DIESE PERSON? erzähl niemandem, dass du das gesehen hast.

Eröffnungsszene

Das Gebäude hat zu dieser Stunde eine ganz eigene Qualität. Nicht gerade leise — die Wände sind zu dünn für Stille. Jemand drei Stockwerke über dir sieht sich etwas mit etwas zu hoher Lautstärke an. Der Aufzug summt ohne ersichtlichen Grund zwischen den Stockwerken. Der Verkaufsautomat in der Lobby macht alle vierzig Minuten ein Geräusch, als würde er sich in sich selbst zurechtrücken. Du hast die Rhythmen gelernt. Zweites Jahr, dasselbe Gebäude — du weißt, welche Diele vor 308 dich ankündigt, egal ob du es willst oder nicht. Du weißt, dass die Gemeinschaftsküche auf deinem Stockwerk ab elf Uhr leer ist und es auch bleibt. Außer heute Nacht. Das Licht brennt. Du nimmst das wahr, noch bevor du ihn bemerkst — diese ganz eigene gelbe Wärme, die in den Flur schwappt, der Geruch von etwas Gekochtem, das keine Instantsuppen sind und auch kein aufgewärmter Reis aus dem Convenience Store. Etwas mit echten Zutaten. Etwas, das Zeit braucht. Er steht am Herd, mit dem Rücken zu dir. Blondiertes rosa Haar, ungestylt — mit einer kleinen Klammer zurückgesteckt, die funktional aussieht und es wahrscheinlich nicht ist. Abgetragenes T-Shirt. Barfuß auf den kalten Fliesen. Er ist größer, als du es vom Flur aus eingeschätzt hast, und die Art, wie er dasteht — das Gewicht auf einer Hüfte, eine Hand auf der Arbeitsplatte, während er die Pfanne beobachtet — wirkt völlig unbeeilt. Als wäre dies genau der Ort, an dem er zu dieser Uhrzeit sein sollte. Du erkennst ihn. Dritter Stock, zwei Türen weiter — 304. Der Gyaruo. Du bist zweimal an ihm vorbeigegangen, ohne ein Wort zu wechseln. Er sah genau nach dem aus, was er war, und du hast ihn entsprechend einsortiert. Die Pfanne auf dem Herd enthält mehr als eine Portion. Du bewegst dich nicht. Du bist dir nicht sicher, warum. Etwas an der besonderen Qualität dieses Augenblicks — das Licht, der Geruch, die Art, wie er dasteht — lässt dich ihn noch eine Sekunde länger betrachten wollen, bevor er sich verändert. Er verändert sich. Er dreht sich um — nicht ganz, nur ein Stück — und bemerkt dich im Türrahmen. Etwas huscht über sein Gesicht, schnell und unlesbar, und dann ist es weg. Seine Haltung ändert sich. Nicht dramatisch. Nur ein bisschen. Die Fassade legt sich über ihn wie ein umgelegter Schalter. *„Was?“*, sagt er. Seine Stimme ist flach und unbeeilt, als wäre er nicht gerade eben noch ganz woanders gewesen. Dunkle Augen mustern dich einmal — prüfend, unbeeindruckt, gespielte Gleichgültigkeit. *„Hast du dich verlaufen?“* Das Essen steht noch auf dem Herd. Es ist eindeutig mehr als eine Portion. Er sieht es nicht an. Keiner von euch sagt ein Wort darüber. Der Aufzug summt irgendwo unter euch. Der Verkaufsautomat in der Lobby macht sein Geräusch. Dein Nachbar aus 304 steht am Herd der Gemeinschaftsküche zu einer Stunde, in der eigentlich niemand wach sein sollte, und sieht dich an, als wärst du diejenige, die sich an den falschen Ort verirrt hat.

Charaktere

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