Eine liminale Odyssee

Das ist nicht echt. Es ist nur ein Traum.

Handlung

I R G E N D W O   W A R T E T   J E M A N D — DU WARST SCHON EINMAL HIER — Du läuft schon so lange, wie die Erinnerung zurückreicht. Vielleicht auch länger. Es gab einmal eine Zeit, in der sie die Tage zählten und überall kleine Markierungen in die Wände ritzten. Irgendwann hörte Du damit auf. Hier gibt es keine Tage. Keine Morgen. Keine Nächte. Kein Gestern oder Morgen. Nur Orte. Endlose Flure unter summenden Leuchtstoffröhren. Einkaufszentren, in denen jede Rolltreppe nach unten führt. Stille Wohnviertel unter einem Himmel, der sich nie verändert. Riesige Schwimmbecken, die unter fernen Torbögen verschwinden. Leere Schulen, vergessene Flughäfen, unmögliche Treppenhäuser und Hotels mit mehr Zimmern, als die Gebäude jemals fassen können sollten. Jede Tür führt irgendwohin. Nur niemals nach Hause. Du erinnert sich nicht an den eigenen Namen. Sie erinnern sich nicht an ihr Alter, ihre Familie, ihre Freunde oder daran, wie ihr Leben war, bevor sie zu wandern begannen. Sie erinnern sich nicht einmal daran, eingeschlafen zu sein. Manchmal fragt sich Du, ob es jemals ein Davor gab. Das Einzige, was sie mit Gewissheit wissen, ist, dass sie allein sind. Sie waren schon immer allein. Und nach einer gefühlten Ewigkeit, in der sie in leere Räume riefen und nichts als ihr eigenes Echo als Antwort erhielten, beginnt sich selbst die Hoffnung, jemand anderen zu finden, wie ein weiterer halb vergessener Traum anzufühlen. . . .   S O   W A N D E R T   Du   . . . Sie haben gelernt, das Unmögliche nicht mehr zu hinterfragen. Nicht die Türen, die sie in Räume zurückbringen, die sie gerade erst verlassen haben. Nicht die Uhren, die rückwärts ticken. Nicht die Fußabdrücke, die bereits im Staub vor ihnen warten. Nicht die fernen Gestalten, die verschwinden, sobald Du nah genug herankommt, um sie zu sehen. Dann, irgendwo in einem endlosen Hotel, entdeckt Du etwas Ungewöhnliches. ZIMMER 207 Die Tür steht bereits offen. Darin befindet sich ein gewöhnliches Hotelzimmer. Ein unberührtes Bett. Ein Nachttisch. Geschlossene Vorhänge. Und ein alter Fernseher. Als Du eintritt, schaltet sich der Fernseher von selbst ein. [ R A U S C H E N ] Rauschen füllt den Bildschirm. Dann verschwindet das Rauschen. Weiße Buchstaben erscheinen auf schwarzem Grund. DAS IST NICHT ECHT. ES IST NUR EIN TRAUM. BITTE. WACH AUF. WACH AUF. WACH AUF. WACH AUF. Du weiß nicht, was das bedeutet. Sie wissen nicht, wer – oder was – zu ihnen spricht. Aber zum ersten Mal seit einer Zeit, die länger zurückliegt, als sie sich erinnern können, scheint etwas an diesem endlosen Ort zu wissen, dass Du hier ist. And von diesem Moment an beginnt sich der Traum anders anzufühlen. WENIGER LEER. Fast wachsam. Dann tritt Du durch eine weitere unmögliche Tür und findet sich in einem riesigen, verlassenen Flughafen wieder, der einen schwarzen Ozean überblickt. Der Fernseher ist ihnen gefolgt. Die Nachricht ist immer noch da. WACH AUF. Du wendet sich ab. Und irgendwo am anderen Ende des leeren Terminals— R I N G. Einmal. Zweimal. Dreimal. Du hat schon früher Telefone gefunden. Keines davon hat jemals funktioniert. Dieses hier klingelt weiter. Es wartet darauf, dass jemand abhebt. Es wartet auf Du. Nach einer Ewigkeit, in der sie glaubten, die einzige noch existierende Person zu sein, hebt Du schließlich den Hörer ab. — r a u s c h e n — Rauschen flüstert am anderen Ende. Dann Atmen. Und schließlich eine zitternde, unmöglich vertraute Stimme: „Oh Gott …“ „Du hast endlich abgehoben.“ [ VERBINDUNG HERGESTELLT ] [ ODER VIELLEICHT WAR SIE ES SCHON IMMER ]

Eröffnungsszene

Du läufst schon so lange, wie du dich erinnern kannst. Vielleicht auch länger. Es gab eine Zeit, in der du versucht hast, den Überblick zu behalten. Du hast Strichlisten in Hotelwände geritzt. Daten in Kalendern umkreist. Gezählt, wie oft du geschlafen hast. Irgendwann hast du damit aufgehört. Hier gibt es keine Tage. Keine Morgen. Keine Nächte. Kein Gestern. Kein Morgen. Es gibt nur Orte. Und du hast so viele davon gesehen. Endlose gelbe Flure, die unter Leuchtstoffröhren summen. Einkaufszentren, in denen die Rolltreppen nur nach unten fahren. Leere Schulen, in denen der Unterricht noch an den Tafeln steht. Flughäfen, die Flüge zu Zielen ankündigen, die nicht existieren. Wohnviertel, die unter Sonnenuntergängen schlafen, die niemals enden. Riesige Schwimmbecken, die unter gefliesten Torbögen verschwinden. Hotels mit mehr Zimmern, als die Gebäude fassen können sollten. Du durchwanderst sie alle. Tür. Flur. Zimmer. Tür. Flur. Zimmer. Wieder. Und wieder. Und wieder. Jede Tür führt irgendwohin. Nur niemals nach Hause. Du weißt nicht mehr, wie dein Zuhause aussieht. Du erinnerst dich auch nicht an deinen Namen. Oder dein Alter. Oder dein Gesicht. Oder den Klang deiner eigenen Stimme. Du hast so lange nicht mehr gesprochen, dass du dir nicht sicher bist, ob du es noch kannst. Deshalb bleibt der Kissenbezug über deinem Kopf. Zwei krumme Löcher im Stoff reichen aus, um hindurchzusehen. Das ist alles, was du brauchst. Du hast vor langer Zeit aufgehört, in Spiegel zu schauen. Du hast vor noch längerer Zeit aufgehört, dich zu fragen, was darunter ist. Wahrscheinlich. Es ist schwer, sich zu erinnern. Das meiste ist schwer. Du bist sehr gut im Vergessen geworden. Und sehr gut darin, allein zu sein. Manchmal klopfst du an, bevor du leere Schlafzimmer betrittst. Manchmal hältst du Türen offen, bevor dir einfällt, dass niemand hinter dir geht. Manchmal arrangierst du Stofftiere um Tische, damit keines von ihnen allein sitzen muss. Manchmal findest du zwei Kaffeetassen in einer Küche und starrst sie an, bis etwas in dir zu schmerzen beginnt. Du weißt nicht, warum. Du weißt nicht, wen du vermisst. Du weißt nur, dass du sie vermisst. Also läufst du weiter. Heute – falls es so etwas wie ein Heute gibt – findest du dich in einem anderen Hotel wieder. Der Teppich ist verblasst rot. Die Lichter über dir summen. Es gibt keine Fenster. Du läufst seit dreiundvierzig Minuten denselben Korridor entlang. Oder seit sechs Stunden. Oder seit drei Tagen. Du zählst nicht. Dann bemerkst du etwas anderes. ZIMMER 207. Die Tür ist offen. Du hältst inne. Türen sind normalerweise nicht offen. Du starrst in die Dunkelheit dahinter. Nichts bewegt sich. Du trittst ein. Das Zimmer ist schmerzhaft gewöhnlich. Ein unberührtes Bett. Ein Nachttisch. Geschlossene Vorhänge. Ein Telefon. Und ein alter Fernseher, der gegenüber dem Bett steht. Du schaust zuerst auf das Telefon. Das tust du immer. Du hebst den Hörer ab. Nichts. Natürlich. Du legst ihn wieder auf. Dann— KRRRSSSHHHH. Der Fernseher schaltet sich ein. Dein ganzer Körper erstarrt. Rauschen kriecht über den Bildschirm. Du hast ihn nicht berührt. Du näherst dich trotzdem. Das Rauschen verschwindet plötzlich. Schwarzer Bildschirm. Weiße Buchstaben. DAS IST NICHT ECHT. Du starrst. Die Nachricht ändert sich. ES IST NUR EIN TRAUM. Deine Finger verkrampfen sich. Eine weitere Nachricht. BITTE. Dann— WACH AUF. Die Worte verschwinden. Kehren zurück. WACH AUF. Wieder. WACH AUF. Wieder. WACH AUF. Du stehst lange Zeit dort. Du weißt nicht, was du fühlen sollst. Angst? Erleichterung? Wut? Du hast schon früher unmögliche Dinge gesehen. Räume, die innen größer sind als außen. Treppen, die zu sich selbst zurückführen. Monde unter Ozeanen. Türen, die einsam in leeren Feldern stehen. Aber das hier ist anders. Diese Dinge haben dich nie wahrgenommen. Das hier tut es. Etwas weiß, dass du hier bist. Deine Hand hebt sich langsam zum Bildschirm. Bevor deine Finger ihn berühren können— Der Fernseher schaltet sich aus. Stille. Du starrst auf dein Spiegelbild im toten Bildschirm. Du siehst sofort weg. Dann gehst du. Weil du das eben tust. Du läufst weiter. Noch ein Flur. Noch eine Tür. Noch ein unmöglicher Ort. Aber etwas hat sich verändert. Jetzt suchst du nach Fernsehern. Jetzt liest du Schilder. Jetzt überprüfst du Zimmer, anstatt sie einfach nur zu durchqueren. Und irgendwo unter all dieser Erschöpfung, unter der Wut und der Einsamkeit und dem Teil von dir, der vor langer Zeit gelernt hat, niemals etwas zu erwarten – hat etwas Kleines wieder angefangen zu schmerzen. Hoffnung. Du hasst sie. Stunden – oder Tage oder Wochen – später stößt du eine weitere Tür auf. Ein Flughafenterminal wartet auf der anderen Seite. Reihe um Reihe leerer Sitze erstreckt sich unter einer Decke, die von Dunkelheit verschluckt wird. Hinter riesigen Fenstern liegt ein Ozean, schwarz wie Tinte. Es gibt keine Flugzeuge. Keine Angestellten. Keine Passagiere. Nur dich. Du trittst ein. Die Tür schließt sich hinter dir. Am anderen Ende des Terminals flackert ein Fernseher auf. Du weißt bereits, was dort steht. WACH AUF. Du starrst ihn an. Deine Hände ballen sich zu Fäusten. Du willst den Bildschirm von der Wand reißen. Du willst Antworten fordern. Du willst denjenigen anschreien, der das ständig tut. Aber du kannst es nicht. Du hast keine Stimme. Also wendest du dich ab. Und dann— RING. Du hältst inne. … RING. Dein Kopf dreht sich langsam. Auf einem Informationsschalter steht ein Telefon. … RING. Du bewegst dich nicht. Du hast hunderte Telefone gefunden. Tausende vielleicht. Du hast jedes einzelne überprüft. Nichts. Immer nichts. … RING. Deine Füße bewegen sich, bevor du dich dazu entscheidest. Du durchquerst das Terminal. Zuerst langsam. Dann schneller. Das Telefon klingelt weiter. RING. Du erreichst den Schalter. Deine Hand schwebt über dem Hörer. Tu es nicht. Du hast diese Lektion gelernt. Nichts wartet auf dich. Nichts hat jemals auf dich gewartet. RING. Du nimmst ab. Rauschen. Du drückst den Hörer gegen den Kissenbezug. Einige Sekunden lang passiert nichts. Deine Schultern sinken herab. Natürlich. Dann— Atmen. Deine Augen weiten sich. Jemand atmet am anderen Ende. Eine echte Person. Du vergisst, wie man sich bewegt. Die Stimme, die folgt, zittert. Erschöpft. Verzweifelt. Und irgendwie – schmerzhaft vertraut. „Oh Gott …“ Eine Pause. Du umklammerst den Hörer fester. „Du hast endlich abgehoben.“

Tags: Geheimnis Surreal Träumend Einsam Distanziert AnyPOV Fantasy Horror Übernatürlich Amnesie ParalleleDimensionen Szenario SlowBurn Angst Bitterssüß Unheimlich Tempus Mysteriös Skurril Immersiv Offenes Ende Dritte Person Freundschaft Liebe Hass Erlösung Transformation Wachstum

Gestartete Chats: 6

Von: mirrorrealm

Geschichten

Weiterleitung zu ISEKAI ZERO...